Die Deutschen produzieren viel und forschen wenig. Machen die Japaner das Rennen?

Mag es an den steigenden Benzinpreisen liegen oder an einem neuen Hang zur gesunden Lebensart – die Deutschen haben, aus welchen Gründen auch immer, ihre Liebe zum Fahrrad neu entdeckt. In den Fachgeschäften und den zuständigen Abteilungen der Warenhäuser nahmen sie im vergangenen Jahr zumindest für die besseren Erzeugnisse der Fahrradindustrie sogar Wartezeiten in Kauf. Rund sechzig Prozent der Bürger der Bundesrepublik besitzen ihr eigenes Fahrrad – und doch kauften sie im vergangenen Jahr 2,8 Millionen neue Fahrräder, fast vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auch in diesem Jahr scheint es weiter bergan zu gehen.

Indes: Was da, aus deutscher Produktion, angeboten und gekauft wird, läßt ein so geringes Maß an technischem Fortschritt erkennen, wie es sich kaum eine andere Branche leisten könnte. Ein bißchen mehr Chrom und Glanz, gelegentlich variierender Zierrat und manchmal, in Kleinigkeiten, auch einmal technische Änderungen – doch im wesentlichen hat der gute alte Drahtesel sein Gesicht kaum gewandelt. Die deutschen Hersteller gelten international als „der Billige Jakob“ ihrer Branche; ihre Billig-Produkte überschwemmen, zum Verdruß einer dort inzwischen gegründeten Schutzgemeinschaft, sogar die als Land der Radfahrer und Fahrradproduzenten bekannten Niederlande.

Doch zugleich drohen die deutschen Hersteller technisch immer mehr zurückzufallen. Bei den Anbietern tummelt sich eine Vielzahl von Mittei- bis Kleinstbetrieben, von den Konfektionären bis zum montierenden Großhandel, die, teils mit minimalem Personalbestand, ihre Karossen zusammenschrauben – oft mit Rahmen aus dem preiswerten Jugoslawien und anderem Zubehör vor allem aus Japan. Die Unternehmen, die als Familienbetriebe nur schlecht Zugang zum Kapitalmarkt haben, erkämpfen sich ihre Marktanteile, auch im Export, weniger durch technischen Fortschritt als durch niedrige Preise. Entsprechend unansehnlich ist denn auch die Rendite der Hersteller und Händler – an einem Rennrad mit Zwölf-Gang-Schaltung für 178 Mark, wie es gelegentlich in Warenhäusern angeboten wird, läßt sich ja wohl kaum noch etwas verdienen.

Um der Branche technisch aufs Fahrrad zu helfen, hatten Lobbyisten im vergangenen Jahr Mittel aus dem Etat des Bundesforschungsministeriums erbeten. Ihr Wunsch nach staatlichen Fördermitteln wäre auch um ein Haar in Erfüllung gegangen, hätten nicht bissige Pressekommentare – auch in der ZEIT – die sparfreudigen Mitglieder des Bundestags-Haushaltsausschusses bewogen, bereits vorgesehene Mittel wieder zu streichen. Freilich: Ob mit öffentlicher Hilfe oder aus eigener Kraft – die deutsche Fahrradindustrie muß technisch vorankommen, will sie nicht bald bei der Fahrt bergauf den Anschluß verlieren.

Sie hinkt vor allem hinter den japanischen Herstellern her. Die japanische Teile-Industrie, durch den Fahrradboom in den USA großgeworden, ist dabei, den europäischen Teilemarkt zu erobern – durch Innovationen nicht nur in der Fertigungstechnik, sondern vor allem auch mit mehr Bedienungskomfort. Drei Beispiele solcher Verbesserungen: Die sogenannte „positionierende“ Kettenschaltung rastet so exakt ein wie die Gangschaltung eines Autos; neuartige Dynamos, unter dem Tretlager angebracht, arbeiten geräuschlos und viel leichter als die herkömmlichen Dynamos; Fahrradsättel lassen sich, ähnlich wie Autositze, durch simplen Hebeldruck verstellen.

Die Mär vom angeblich „ausentwickelten“ Fahrrad, in Deutschland beständig genährt, findet in Japan offensichtlich keinen Glauben. Allerdings haben sich die Japaner auch ein „Fahrradtechnisches Forschungszentrum“ zugelegt, in dem 65 Wissenschaftler und Techniker an der Zukunft ihrer Industrie arbeiten; zehn Millionen Mark geben sie jährlich für Fahrradforschung aus. Die Mittel stammen aus den staatlichen Lotterie- und Wetteinnahmen.