Die zentralafrikanische Republik Tschad, eines der ärmsten Länder der Welt, befindet sich seit 1966 in ständigem Bürgerkrieg. Auch nach dem jüngsten Waffenstillstand wird das Land keine Ruhe finden.

Der vereinbarte Waffenstillstand zwischen den sich nunmehr bekämpfenden Truppen von Staatspräsident Goukouni Oueddei und Verteidigungsminister Hissem Habre bedeutet kein Ende der Auseinandersetzungen, die sich in den letzten Wochen zu einem Kampf um die Hauptstadt N’djamena zugespitzt hatten. Bereits Mitte März war eine von beiden Seiten unter Vermittlung Frankreichs vereinbarte Waffenruhe unbeachtet geblieben.

Der Bürgerkrieg, in den elf verschiedene Gruppierungen in wechselnden Koalitionen verwickelt sind, ist wesentlich vor dem Hintergrund religiöser und wirtschaftlichen Spannungen zwischen dem islamischen Norden und dem entwickelteren christlichen Süden zu sehen. Der Süden des Tschad wurde wegen seiner für die französischen Kolonialherren gewinnversprechenden Baumwollpflanzungen einst offiziell als der „nützliche Tschad“ bezeichnet, während der Norden unbeachtet blieb.

Diese Einschätzung hat sich gewandelt, seit in dem an Libyen grenzenden Wüstengebiet im Norden Uran- und Wolframlagerstätten gefunden wurden. Außerdem hat die mit den Ölmultis Esso, Chevron und Shell eng verbundene Continental Oil im Tschad inzwischen. Erdölvorkommen entdeckt.

Diese Funde erklären einen Teil des heftigen Interesses, das dem zentralafrikanischen Armenhaus in der Sahelzone mittlerweile zuteil wird. So mußte der Justizminister des Tschad letzte Woche in Paris anläßlich eines Ministertreffens 25 französischsprachiger afrikanischer Länder eine Meldung von Radio Tripolis dementieren, der zufolge Präsident Oueddei den libyschen Staatschef Ghaddafi um militärisches Eingreifen gebeten habe.

Das Interesse Libyens am nachbarlichen Uran des Tschad scheint erwacht, seitdem mit sowjetischer Hilfe in Libyen ein Atomforschungszentrum errichtet werden soll. Zu dieser Anlage soll auch ein 300-Megawatt-Kernkraftwerk gehören. Das hierzu benötigte Uran liegt vor Libyens Haustür in einem 114 000 Quadratkilometer großen Streifen hinter der wie mit einem Lineal gezogenen Grenze zum Tschad. Schön einmal, 1972, hatte sich Libyen dieses Gebiet in einem Geheimabkommen von dem damals herrschenden Militärregime: des Präsidenten Tombalbaye zusprechen lassen.

Als Gegenleistung schränkten die Libyer damals ihre Unterstützung für die gegen Tombalbaye kämpfende Volksbefreiungsorganisation Frolinat ein. Als die Kämpfe dennoch nicht abflauten und auch ein französisches Expeditionskorps 1975 den Sturz der Regierung Tombalbaye nicht mehr aufhalten konnte, bemühte sich Libyen um Unterstützung seiner Annexionspläne durch verschiedene Teile der inzwischen auseinandergebrochenen Frolinat. Hissem Habre aber und die von ihm geführte Fan (Forces armées du Nord) hatten in letzter Zeit die Pläne Ghaddafis wiederholt scharf abgelehnt. Wohl aus diesem Grunde unterstützen die Libyer nun den Widersacher Habres, Präsident Queddei.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, in der Vergangenheit wiederholt selbst im Tschad militärisch aktiv, hat ihren restlichen 1200 Soldaten in der Nähe der umkämpften Hauptstadt N’djamena strikte Neutralität auferlegt, seit die jetzt wieder kämpfenden Parteien am 21. August letzten Jahres eine „Übergangsregierung der nationalen Einheit“ gebildet hatten. Die Waffenruhe sollte von einer panafrikanischen Friedenstruppe überwacht werden. Bis zum erneuten Ausbruch der Kämpfe aber waren nur 550 schlecht ausgerüstete Kongolesen im Tschad eingetroffen. Sie wurden, ohne sich in die Kämpfe eingemischt zu haben, in der letzten Woche nach Hause geflogen. Jörg Reckmann