ZDF, Donnerstag, 17. April, 22.20 Uhr: „Was sollen wir, denn machen ohne den Tod“, von Elfi Mikesch

Filme über alte Leute werden von den jüngeren gemacht, die meist eine Idee im Kopf haben; von Krankheit, Einsamkeit, Verfall und sozialhygienischer Verwahrung. Daraus folgt oft eine Elends- oder Appelldramaturgie an die einzelnen und ihre Gesellschaft: die Energien alter. Menschen zu reaktivieren und sie ins soziale Leben, zu reintegrieren. Dafür werden dann Bilder gesucht, in denen die Alten erneut zu Objekten verkümmern, als Monster falscher Jugendlichkeit oder als horrible Todesengel.

Elfi Mikesch ist in ihrem Film „Was sollen wir denn machen ohne den Tod“, einem der schönsten des diesjährigen Forums der Berlinale, einen ganz anderen Weg gegangen. Sie zeigt Bilder aus einem außergewöhnlichen (privat geführten) Altenheim in Hamburg, Bilder von fünf alten Frauen, von denen zwei – Käthe und Traute – eine besonders innige Beziehung zueinander haben. Auf eine versponnen phantasievolle, von den eigenen Erinnerungen völlig unbelastete Weise tauschen sie Gefühle und Wahrnehmungen aus, die Elfi Mikesch mit dem Tonband aufgezeichnet hat und als Off-Ton zu einer assoziativen Bildmontage ins Verhältnis setzt.

Die oft sehr intimen Bild- und Tondokumente waren möglich, weil die alten Frauen völlig ohne Scheu auf das Interesse des Filmteams eingingen. Elfi. Mikesch (die hier ihre eigene Kamerafrau, Co-Beleuchterin und Cutterin war und bei den verschiedenen Aufenthalten in dem Heim jeweils eine Tonfrau mitbrachte) läßt sich ein. auf die ungeschützte Vertrautheit, sie zeigt auch die Bilder, in denen die alten Frauen die objektive Distanz zur Kamera nicht einhalten, sich mit Bemerkungen ans Team wenden oder eine Kußhand werfen. Sie hat möglichst ohne Stativ gedreht und geht nah heran, sie setzt sich in den Bildern mit dem Wahrnehmungsspektrum auseinander, in dem sich die Alten zueinander und zu ihrer Umgebung bewegen. Spürbar wird, wie wichtig die Details sind, die vertrauten Dinge, die den Schatz der Erinnerungen bergen und doch schon abgestellt und tot sind. (In diesem Heim leben die Alten mit ihren Möbeln, Bildern, Gegenständen. Der Film vermittelt eine Ahnung davon, was den Alten gestohlen wird, die eine solche Umgebung nicht haben.)

Der Garten, die Bäume an der Alster, ein Gewitterhimmel, Regengeräusche sind Teil der Wahrnehmung der Alten, sind zu einem Teil ihrer Innenwelt geworden. Wie sich ihre Vitalität in einer starken Imaginationskraft behauptet, löst der Film in atmosphärischen Bildern ein, die die Grenzen von Dokumentarfilm und Fiktion unterlaufen.

Unserem alltäglich täuschenden linearen Zeitverständnis setzt er ein komplexeres entgegen: Farb- und Schwarzweiß-Sequenzen wechseln, variieren und kommentieren Situationen, die in einer konventionellen Dramaturgie fest besetzte Bedeutungen haben (etwa: Farbe für Realität, Schwarzweiß für Träume und Traumzeit). Elfi Mikesch läßt sich auf solche Beliebigkeiten gar nicht erst ein.

Sie kommt von der experimentellen Photographie her – bekannt unter dem Pseudonym Oh Muvie –, ist 1940 in Österreich geboren, lebt seit 1966 in Berlin und hat vor zwei Jahren für den ähnlich experimentellen Dokumentarfilm „Ich denke oft an Hawaii“ einen Bundesfilmpreis bekommen. Wo sie in dem „Hawaii“-Film die Traumwelt einer Berliner Familie manchmal noch etwas gewaltsam über die Köpfe ihrer Protagonistinnen hinweg inszenierte, läßt sie sich in der neuen Arbeit zurückhaltender auf die Melancholie und Schwermut ein, die zum Beispiel im Off-Ton die Briefe und Notizen einer alten Frau über Krankheit, Einsamkeit und nahen Tod bezeugen.

Bilder des Heimalltags in der Küche, bei der Pillen-Ausgabe relativieren die vermeintliche Autonomie der Alten – sie sind abhängig von einer Versorgungsmaschinerie. Aber mit dem Blick für das Ambivalente, das Nähe und Ferne zu den Alten zugleich dokumentiert, bezieht der Film die Jüngeren mit ein, vor allem die Leiterin des Heims und eine Pflegerin, die beide weniger als soziale Kontrastfiguren erscheinen, sondern als Verkörperung einer anderen Art weiblicher Vitalität, scheinbar, aber nur scheinbar alterslos. Claudia Lenssen