Die Bundesbürger haben sich daran gewöhnt, im Ausland ihr Geld mit vollen Händen auszugeben. Wie lange noch?

Wie sich die Zeiten ändern: Es ist noch gar nicht lange her, da erregten die hohen deutschen Überschüsse im Zahlungsverkehr mit dem Ausland den Neid der Nachbarn. Die gewaltigen Devisenreserven, die sich so im Laufe der Zeit bei der Bundesbank ansammelten, zwangen die Bundesregierung in die ungeliebte Rolle eines europäischen Zahlmeisters. Und daß deutsche Touristen heute in aller Welt zu den umworbensten Gästen zählen, liegt wohl kaum allein daran, daß das deutsche Wesen jenseits unserer Grenzen so ungeheuer beliebt ist. Die Regierungen der Urlaubsländer hoffen vielmehr, daß ihre notleidenden Zahlungsbilanzen mit Hilfe der deutschen Mark genesen.

Doch inzwischen ist die deutsche Zahlungsbilanz selber nicht mehr gesund. Wurde 1978 noch ein Überschuß von mehr als siebzehn Milliarden Mark erzielt, so setzte im vergangenen Jahr ein so radikaler Umschwung ein, daß die Vorhersagen über das Ergebnis der Schlußabrechnung immer pessimistischer wurden – und dann mit einem Defizit von neun Milliarden Mark auch die schlimmsten Erwartungen noch übertrafen. In diesem Jahr wird der Fehlbetrag in der Zahlungsbilanz – nach bisherigen Schätzungen etwa zwanzig Milliarden Mark – noch drastischer ausfallen. „Im Moment“ sieht Bundesfinanzminister Hans Matthöfer zwar noch keine Veranlassung, den deutschen Touristen das Urlaubsgeld zu beschneiden. Aber immerhin – was vor zwei Jahren noch undenkbar erschien, ist inzwischen schon des Nachdenkens wert geworden.

Lange Zeit galt es sogar als eine Tugend, beim Auslandsurlaub nicht zu sparen. Irgendwie mußten die hohen deutschen Exportüberschüsse doch wieder in die Partnerländer zurückfließen, damit sie nicht aus Mangel an Devisen den Import deutscher Maschinen, Autos oder Chemieprodukte einschränken mußten. Motto: Wir liefern euch deutsche Wertarbeit, dafür bedient ihr uns im Urlaub. Verjubelten deutsche Touristen Anfang der siebziger Jahre zehn Milliarden Mark im Ausland, so waren es im vergangenen Jahr bereits über dreißig Milliarden.

Steigende Einfuhr von Fertigwaren, Preissteigerung bei fast allen Rohstoffen und vor allem die enorme Verteuerung der Ölrechnung, die 1980 über sechzig Milliarden Mark betragen wird, werden daher über kurz oder lang eine Debatte darüber auslösen, wie lange wir uns noch derart hohe Reisespesen leisten können.

Theoretisch gibt es zwar viele Möglichkeiten, um aus den roten Zahlen herauszukommen. Die scheinbar einfachste Lösung zum Ausgleich der Zahlungsbilanz ist eine Kreditaufnahme im Ausland. Die beste Lösung wäre eine so starke Steigerung unserer Exporte, daß die Kasse wieder stimmt. Der ersten Möglichkeit haftet jedoch der Ruch des Ünseriösen und der zweiten die Gefahr des Wunschdenkens an. Natürlich könnten wir auch versuchen, unseren Ölverbrauch so drastisch zu reduzieren, daß genug Geld für die Reisen ins Ausland in der Devisenkasse bleibt. Doch selbst wenn dies gelingen würde, könnten die Scheiche es leicht wieder wettmachen, indem sie weiter an der Preisschraube drehen.

Die Beschränkung der Reisedevisen erscheint da noch als der einfachste Ausweg. Auch wenn „im Moment“ noch jeder Bundesbürger soviel Geld über die Grenzen tragen darf wie er will – ein Naturgesetz ist es schließlich nicht, daß nur Regierungen in Rom, London oder anderswo auf die Idee kommen könnten, ihren Bürgern das Urlaubsgeld zuzuteilen, wenn die Devisen knapp werden. Auch bei uns ändern sich die Zeiten.

Michael Jungblut