Berlin

Daß der westliche Teil Berlins für eine deutsche Stadt ungewohnt vielschichtig sei, ist bereits vor einigen Monaten in dieser Zeit tung überzeugend beschrieben worden. Dennoch – so stellt sich jetzt heraus – ist damit die Wirklichkeit gar nicht getroffen. Sie ist nicht vielschichtig, sondern mehrfach vorhanden – zumindest in seinem gastlichen Bereich. Es muß zwei Berlins (West) geben.

Eines kenne ich einigermaßen, weil ich hier schon sehr lange lebe und hin und wieder in Restaurants und Kneipen verschlagen werde oder von kundigen Besuchern doch viele Erfahrungen aus dem gastlichen Berlin mitgeteilt bekomme. Ein zweites, ganz anderes Berlin, habe ich gerade dem neuen Varta-Führer zwischen den Seiten 68 und 79 entnommen. Nun gucke ich aus dem Fenster und überlege, wo wohnst du eigentlich?

Dabei hatte es so gut angefangen. Ich hatte mir den Varta-Führer nämlich in Bremen gekauft und mußte verblüfft feststellen, daß jene Stätte, in der das wahrscheinlich beste Essen Bremens serviert wird, das „Il Bistro“, gar nicht erwähnt wird. Da wird also, fürchtete ich, im Abschnitt Berlin auch das „Maître“ fehlen. Aber nein, es hatte sogar das zustehende Höchstlob von drei Kochmützen. Aber gleich darunter, ebenfalls drei Mützen, das „Ritz“. Das „Ritz“? Wie ist ein Gast zu bedauern, der bei „Maître“ keinen Platz mehr bekommt und gelassen zum „Ritz“ rübergeht, weil er vermuten muß, vergleichbare Küche in vergleichbarer Qualität zu erhalten.

Nun kann und will ich auch gar nicht hier jede einzelne Notierung durchgehen. Ich kann das schon deshalb nicht, weil ich nicht einmal alle mit Mützen belobten Restaurants kenne. Wohl habe ich etwa schon mal bei Karstadt in Köln gegessen, aber noch nie in den empfohlenen „Silberterrassen“ im KaDeWe. Da muß es einen Unterschied geben. Es kann ohnehin niemand das gesamte gastronomische Berlin zuverlässig beurteilen. Aber so’n bißchen kriegt man schon mit, wenn man hier lebt.

Sicher ist es nicht lebensbedrohend für diese Stadt, daß nur die erwähnten beiden Restaurants drei Kochmützen zugedacht bekommen haben und kein einziges zwei. Es soll auch kein Streit entstehen, ob eine Mütze für die vielen erwähnten Restaurants zu viel oder zu wenig ist. Sicher müssen der Grill im „Hotel Kempinsky“, im „Hotel Berlin“, muß „Anselmo“, müssen die „Conti-Fischstuben“ mindestens diese eine Mütze tragen dürfen.

Aber was da sonst so alles erwähnt wird und – vor allem – was da alles nicht erwähnt wird, macht diesen meistgekauften Führer nicht eben nur wertlos, es macht ihn gefährlich. Wer mit diesem Buch unterm Arm, neugierig etwa aus Itzehoe kommend, Berlin kennenlernen will, wird sich nach seiner Rückkehr sagen, das hätte ich auch zu Hause machen können oder wäre statt nach Berlin nach Elmshorn gereist. Das „La Puce“ in der Schillerstraße, mehr als eine Mütze Wert, kommt überhaupt nicht vor, ebenso „Die Alte Waldschänke“ in Tegel – nix vorhanden.