Erich Bottlinger: Die stürmischen Tage der Hochschulen mit teach-ins, sit-ins, Demonstrationen, Streiks und Polizei-Einsätzen sind vorbei. Eine neue Studentengeneration scheint ruhig, fleißig, brav und angepaßt zu sein. An den Hochschulen herrscht scheinbar Ordnung – heißt das, daß unsere Hochschulen wieder in Ordnung sind?

Hayo Matthiesen: Nein, leider nicht. Die Ruhe ist nur eine Fassade, hinter der sich vielfältige ungelöste Probleme verbergen. Stichworte dafür sind Massenbetrieb, Wohnungsmisere, steckengebliebene Studienreform, Angst vor Arbeitslosigkeit. Als Summe dieser Faktoren bestehen weitverbreitete menschlich-psychische Schwierigkeiten. Diese Probleme fangen jedoch bereits im Gymnasium, in der reformierten Oberstufe, an; schon dort gehen Unsicherheit, Angepaßtheit und Angst um.

Bottlinger: Welche Gründe gibt es dafür?

Matthiesen: Einen Grund sehe ich darin, daß der Staat unsere Oberschüler und Abiturienten zu wenig darüber informiert, wie es an den Hochschulen aussieht. Nur wenige Schüler wissen zum Beispiel, daß es lediglich neun Numerus-clausus-Fächer gibt, daß aber 88 Prozent aller Studienplätze im Grunde frei sind. Noch ein zweites Problem: Die Konkurrenz-Situation in der Oberstufe. Sie ist begründet vor allem durch die Auslese beim Hochschulzugang. Die jungen Leute belauern und beneiden sich oft. Statt mutig und selbstbewußt aufzutreten, neigen sie dazu, sich zu verstecken und sich anzupassen.

Peter Glotz: Im Grunde haben wir die Hochschulen 1976 deshalb geöffnet und dafür auch viel Geld ausgegeben, damit der Numerus clausus nur noch in einem harten Kern von Fächern bleibt und damit der Druck von den Schülern genommen wird. Wenn das heute noch nicht bekannt ist, dann ist das Geld umsonst ausgegeben und alle Mühe umsonst investiert worden. Die Schwierigkeit ist doch gerade, daß die Schüler, die sich abschrecken lassen, meistens nicht die Söhne von Ärzten und Rechtsanwälten sind. Die Schwierigkeit ist, daß wir 14 Prozent Arbeiterkinder an den Universitäten hatten und daß diese Zahl in letzter Zeit bereits wieder um ein Prozent zurückgegangen ist.

Peter Kreyenberg: Es gibt eine vorzügliche Schrift der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung. Sie heißt Studien- und Berufswahl. Das Buch wird in vielen Tausenden Exemplaren verteilt und ist auch im Buchhandel erhältlich. Im übrigen muß ich sagen: Wer studieren will, kann sich auch informieren. Die Situation an den Hochschulen ist in etwa so: In knapp 200 Institutionen des sogenannten „tertiären Bildungsbereiches“ studieren zur Zeit etwa 950 000 Studenten. Diese Zahl wird sich in den nächsten Jahren auf etwa 1,3 Millionen erhöhen – das ist eine realistische Schätzung – und dann wieder abnehmen. Wir haben zur Zeit ungefähr 750 000 rechnerische Studienplätze; das Ausbauziel liegt bei 850 000.

George Turner: Um es mal provozierend zu sagen: Diese Kapazitäten werden ausreichen, um auch die starken Jahrgänge ausbilden zu können, wenn wir von den neun harten Numerus-clausus-Fächern absehen, von Human-, Zahn- und Tiermedizin, Agrarwissenschaft, Architektur, Biologie, Haushalts- und Ernährungswissenschaft, Pharmazie und Psychologie. Die zukünftigen Studenten werden also weitgehend unter denselben Bedingungen studieren können, unter denen in manchen Fächern auch die Studenten des Jahres 1960 studiert haben, denn die Relation zwischen Professoren und Studenten hat sich in den letzten Jahren durch eine große Expansion der Dozenten-Stellen verbessert.