Was sie nicht will, weiß Sunny genau: „Is’ ohne Frühstück“, bedeutet sie dem Typ, der sich morgens in ihrem Bett rekelt. Und, als der anfängt zu meckern: „Is’ auch ohne Diskussion.“ Sunny ist eine, die sich wehrt gegen die Zumutungen des Alltags. Ihren Conférencier, mit dem und einer Gruppe mittelprächtiger Kleinkünstler sie singend durch die Provinz tingelt, nennt sie einen „Eckenpinkler“. Und fliegt raus. Einem zudringlichen Bargast nimmt sie, so langsam und entschlossen wie in einer Nummer von Laurel und Hardy, die Brille von der Nase, zerbricht sie und steckt sie ihm ins Jackett.

Sunny ist schmal und energisch. Wenn sie auf der Bühne steht, puppenhaft geschminkt, und (auf englisch) ihren Traum von der großen Karriere ins Mikrophon flüstert, sieht sie manchmal’ aus wie Liza Minnelli. Sie hat Allüren und sie hat Angst: weil eine wie sie, die mit bürgerlichem Namen Ingrid Sommer heißt und in einem „kleinen Programm von ausgewogener Qualität“ auftritt, in Thüringen und nicht in Manhattan, eben nie eine Liza Minnelli werden kann; weil der Job, die Männer, die kleinen Katastrophen sie kaum zu Atem lassen kommen.

Sunny eckt an. Sie lebt so, wie es sich nicht gehört, wird angezeigt und rausgeworfen, versucht sich, nach einer Art von Liebe, umzubringen, kommt wieder auf die Füße, macht weiter. Ihre Sehnsüchte, ihre Ansprüche sind immer ein paar Nummern größer als das Leben, das sie zu leben hat. Man weiß nicht genau, ob sie daraus etwas lernt.

Sunny alias Ingrid Sommer ist eine Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik. Dort hat man, wie hier, unordentliche Existenzen nie geliebt, und schon gar nicht als Kunst- und Identifikationsfiguren. Den Verirrten wies am Ende die sozialistische Moral den rechten Weg. Frauen durften, in Filmen aus der DDR, gelegentlich rebellisch sein, auf ihre Unabhängigkeit bedacht, aber keinesfalls außerhalb der Schicklichkeit. Die Figuren, die etwa Jutta Hoffmann spielte, in Egon Günthers „Der Dritte“ oder Frank Beyers „Das Versteck“, verloren nie den Boden unter den Füßen, blieben strebsam und patent.

Sunny ist anders. Mit ihr kommt ein neuer Ton in das Kino der DDR. Sie hält sich am Rande der Gesellschaft auf, und der Film folgt ihr, fast ohne Vorbehalte, dorthin. Er nimmt den Traum von ihrem Solo ernst, mutet ihr zwar Niederlagen zu, aber keine Demütigungen. „Solo Sunny“ handelt von einem beschädigten Leben. Reparaturversuche scheinen folgenlos. Dennoch waltet keine Düsternis, sondern ein lapidarer Witz. „Solo Sunny“ ist auch, und nicht zuletzt, eine Komödie.

Wenn Sunny nicht unterwegs ist, lebt sie am Prenzlauer Berg, einer häßlichen Gegend der grauen Stadt Berlin. Hinterhofmilieu, aber ganz ohne pittoresken Charme. Einmal! sieht man, ein paar Sekunden lang, durch ein Fenster im Treppenhaus eine Hochbahn vorbeifahren. Solche und andere Momente, in denen sich der Film von seiner Geschichte löst, in denen die Kamera auf dem Beiläufigen verharrt, sind wichtig. Der Blick verengt sich nicht auf einen nützlichen Ablauf, bleibt offen für die Irritationen des Alltäglichen. Ein anderes Mal bleibt Sunny, von ihrem Liebhaber (der mit einem anderen Mädchen beschäftigt ist) nicht in die Wohnung gelassen, eine Weile regungslos im Flur. Das Licht geht aus, man hört nichts als das laute Surren der elektrischen Leitung.

Oft erzählt der Film Geschichten ohne Worte: die der Sunny (und mit ihr wohl auch die der Provinzschauspielerin Renate Krößner, die hier ihre erste große Filmrolle spielt), die selbstvergessen vor ihrem Spiegel hockt, mit einer Mischung aus Narzißmus und Ratlosigkeit; auch die einer Kollegin, die am Sonntagmorgen der Platz im Bett ihres verheirateten Freundes räumt, weil dessen Familienleben stattfinden muß. Da geht eine nicht mehr ganz junge Frau allein über einen Hotelflur: ein Bild der Verzweiflung, das im Gedächtnis bleibt.