Von Fritz J. Raddatz

Ich litt an meinen Wahrnehmungen wie an einer Krankheit“ – dieser Satz aus Gerhard Roths Erstlingsroman „die autobiographie des albert einstein“ ist gleichsam ein Schlüssel zum Verständnis der Arbeiten des heute achtunddreißigjährigen Österreichers, den Ulrich Greiner in seiner sorgfältigen Porträt-Studie („Der Tod des Nachsommers“ Hanser Verlag, 1979) „neben Thomas Bernhard und Peter Handke zu den bedeutendsten österreichischen Gegenwartsautoren zählt. In einer ausgenüchterten, Aufgeregtheiten gänzlich vermeidenden Sprache, in einer Präzision bis zur kühlen Akkuratesse anstrebenden Stillage variiert Roth in seinen Romanen ein Motiv: Flucht. Ob „Der Wille zur Krankheit“ (1973) oder „Winterreise“ (1978): Die Bewegung fort von Alltag wie Alltäglichkeit prägt diese Bücher – „Pathographien, literarmedizinische Fallbeschreibungen, Kriminalstudien“ (Greiner).

Der neue Roman von – Gerhard Roth: „Der stille Ozean“, Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1980; 247 S., 28,– DM

ist da ein vorläufiger Höhepunkt; schon der Titel signalisiert die Ferne wie die Bedrohung – so sehr das Wort „Ozean“ eine Jack-London-Verlockung ausruft, so wenig ist ja der Stille Ozean still, vielmehr eine menschenschluckende Un-Idylle. Die vermeintliche „Untiefe“ des Titels ist Zeichen für die gefährliche „Un-Tiefe“ des Buches.

Es gelingt Roth, auf nur scheinbar gemächliche, in Wahrheit raffiniert behutsame Weise, entlang einer vorgeblich realistisch einfachen Fabel eine Situation surrealer Bedrohung zu entwickeln. Jemand, dessen Vorleben vorerst unbekannt ist (später erfährt man wenige Details: ein Arzt floh offenbar vor den Publizitätsfolgen eines chirurgischen Mißgriffs), zieht aufs Land. „Als er in den letzten Wochen über seine Zukunft nachgedacht hatte, war ihm plötzlich eingefal- . len, daß ihn jene Menschen am meisten beeindruckt hatten, die ihr Leben führten, ohne sich selbst dauernd in Frage zu stellen. Auch die Bewohner der Gemeinde kamen ihm arglos vor. Ihre Arglosigkeit entsprang in ihnen selbst.“ Es ist die Arglosigkeit eines Sumpfs, über dem Schmetterlinge gaukeln. Wehe, man jagt ihnen nach.

Aber Roth schafft dieses Gefühl von Bedrohung ganz ohne deklamatorische Effekte – so haarfein legt er die Schlinge aus, daß selbst ein so sorgsamer Leser (und Kritiker) wie Günter Blöcker zu einem grotesken Fehlurteil kommt. Er sieht in den minuziös hergestellten Landschaftsbildern „trostlose Langeweile“ und landet in seiner Kritik selber in einem trostlosen Mißverständnis: „Der Pathograph Roth wird überraschend zu einem zähen Idylliker, der sich an den Requisiten und Versatzstücken einer heruntergekommenen und durch bloße Abbildungsrituale gewiß nicht zu rettenden Gattung, nämlich – man staune – des Heimatromans förmlich festsaugt.“

Damit ist wohl die eigentliche epische Dimension dieses Buches unerkannt geblieben. Jener Ascher – „er hatte ein Gefühl von Abgeschiedenheit, das ihm wohl tat“ – gerät nämlich in eine Welt der Tollwut und der Mörder. Diese Abgeschiedenheit ist umlauert, umstellt, ist so still wie der Stille Ozean – kein ländliches Stilleben, sondern modernde nature motte. Die Unheimlichkeit stellt Roth durch winzige Verschübe her, die Wirkung ist benennbar, wie man eben das Gefühl einer Bedrohung oft nicht exakt benennen kann: „Die Spinne hatte sich gerade in einem gerollten Blatt versteckt. Noch bevor der Mann gegangen war, hatte er das Blatt in die Hand genommen und war, nachdem er einen beiläufigen Blick darauf geworfen hatte, mit dem Fuß auf die herausgefallene Spinne getreten. Dabei hatte Ascher gesehen, daß seine Füße nackt wären.“