So weit sind wir mittlerweile gekommen. Junge Leute lernen in der Schule Literatur als etwas kennen, was ihnen mühsam erklärt wird und worüber sie sich dann mühsam äußern müssen und was Prüfungsstoff ist. Diesen Unglücklichen müßte, vor allem anderen, beigebracht werden, daß die Dinge, von denen hier die Rede war, auch Spaß machen können. Trotz und wegen der mit ihnen verbundenen Anstrengungen. Die sogenannte E-Kultur ist sicherlich darauf angewiesen, daß es kluge, kenntnisreiche, erhaltende, respektvolle Figuren gibt. Aber Respekt bleibt unfruchtbar. Und Bildung bleibt unfruchtbar, wenn aus lauter Kleinmut keine Gebildeten mehr wagen, zuallererst den Enthusiasmus zu lehren.

Joachim Kaiser in der „Süddeutschen Zeitung“, Ostern 1980

Jazz in der Werkstatt

Das Michael-Naura-Quintett spielte auf dem River-Boat auf der Lübecker Trave, einem Jazz-Dampfer, als die Tür aufging „und der Opernlöwe Rolf Liebermann“ erschien. Nur war der Komponist damals noch Leiter der Musikabteilung im Nordwestdeutschen Rundfunk und mit Freuden verantwortlich für eine damals außergewöhnliche Einrichtung: den Jazz-Workshop. Erhofft waren nicht ausgefeilte Konzerte, sondern eine Art von Jam-Session: Wichtiger als das vollendete Ergebnis war die Herstellung selber, das Musizieren von einander manchmal fremden Gruppen und Solisten. Das Michael-Naura-Quintett trat dann zum ersten-(nicht zum letzten-) mal im vierten Workshop-Konzert 1959 auf, aber eben: komplettiert mit drei anderen Jazzmusikern in der Hoffnung, daß die ungewohnte Besetzung etwas Ungewohntes, Neues zu provozieren vermöchte. Diese dem Jazz sehr angemessene Idee gilt „in gewisser Weise heute noch“, sagt Michael Naura, der den Jazz-Workshop seit nunmehr neun Jahren als Redakteur betreut und ihn letzte Woche zum 150. Male veranstaltet hat. Doch der Schwerpunkt hat sich verschoben. Jede musikalische, auch jede Jazz-Veranstaltung „schielt nach Vollkommenheit“, sagt Naura. Und so veranstaltet er in seinem Workshop mehr (geprobte) Konzerte als früher: Werkstatt ohne Späne.

Journalistenpoesie: La luna

Es gibt Filme, die wie Opern sind. Bernardo Bertoluccis „La luna“ ist so ein Film. Es gibt aber auch Filmkritiken, die wie Opern sind: Wolfram Schüttes Kritik von „La luna“ ist so eine Rezensionsoper geworden. Lauschen wir der Ouvertüre: „Bei jedem Sehen wird der Film transparenter auf die dramaturgische Filigranarbeit, auf seine Leitmotive und seine Polyphonie. Man kann sich aber auch schon beim erstenmal tragen und treiben lassen vom Strömen dieses Erzählens, das nicht uferlos ist, eher über Stromschnellen springt, kanalisiert wird. Bertolucci arbeitet geradezu unverschämt (das heißt auch: souverän) mit Ellipsen, springt mit den Zeiten und Orten um, als gäbe es da kein Beharrungsvermögen des Zuschauers und -sehers, der sich in Ort und Zeit, wenn sie gefunden sind, einnisten möchte. Aber der große Erzähler, der uns in Bann schlägt, wie eine noch mythologisch geprägte Redewendung sagt, trägt uns auch fort über Klüfte, Erdrisse, Zeitlöcher – trägt uns immer weiter, umgarnt uns immer dichter, läßt uns nicht aus der Aura seiner fort- und forttreibenden Phantasie.“ Hören wir eine Arie aus der Mitte des Stücks: „Aber so sehr sich über Bertoluccis Film ein internationaler Firnis zu legen scheint: Daruntersetzt sich die Italianità des Regisseurs dennoch durch. Sie blättert den rissig werdenden Firnis auf, quillt hervor und überspült und überspielt den Dollar-Lack.“ Und so geht es weiter: Es singen die Wörter, es dröhnen die Adjektive, es klirren die Metaphern, Wolfram Schüttes Schreibmaschine verwandelt sich in ein komplettes Verdi-Orchester. Das Finale: .. nur eine ironische Wahrnehmung dieser von Harmonie-Sehnsucht erfüllten Apotheose vermöchte da die zwangshafte künstliche oder Kunst-Lüge des Melodramas mitsamt seiner süffigen Utopie der Versöhnung um ihre falsche Restsüße zu vermindern und zur Skepsis durchzugären, damit man aus diesem Traum von einem Film und Film-Traum(a) nicht mit schwerem Kopf erwacht.“ Leider können wir den ZEIT-Lesern nur einen Querschnitt zu Gehör bringen. Die Gesamtaufnahme von Wolfram Schüttes „La luna“ ist zum Osterfest in der Frankfurter Rundschau erklungen.

Muche-Werksverzeichnis

Das Bauhaus-Archiv, Berlin, bereitet ein Werkverzeichnis des Malers Georg Muche und für September 1980 eine Ausstellung des malerischen und zeichnerischen Werkes bis 1927 vor. In diesem Zusammenhang bittet das Bauhaus-Archiv alle Privatbesitzer von Werken Muches, sich mit der Bearbeiterin des Werkverzeichnisses in Verbindung zu setzen: Dr. Magdalena Droste, Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 13–14, 1000 Berlin 30.