Köln: „Lempertz Auktion: Kunst des XX. Jahrhunderts“

Es ist schon bemerkenswert und manchmal auch komisch, wie der Markt mit seinem Angebot und seinen Preisvorstellungen, auf aktuelle Trends, auf Akzentverschiebungen veränderte Erwartungen seines Publikums reagiert. Deutscher Expressionismus und Ecole de Paris, auf die man sich bei Lempertz und anderswo fixiert hatte, sind in den Hintergrund geraten. Unter den französischen Malern ist Léger, nach vorn gerückt, der mit einer Gruppe bedeutender Zeichnungen aus allen Schaffensperioden vertreten ist. James Ensor zählt, mit Recht, zu den Sternen erster Ordnung, es gibt in dem verhältnismäßig großen Angebot ein wundervolles surreales Stilleben in hellen schillernden Farben und ein makaber düsteres „Konzert der Skelette“. Von Egon Schiele sieht man das Porträt seines Onkels Czihaczek, das er mit 17 Jahren gemalt, ein seltsam braves und ziemlich konventionelles Bild, ein Frühwerk, das von dem späteren Schiele kaum etwas ahnen läßt (und 36 000 Mark bringen soll). Auch von Franz Radziwil wird (für 50 000 Mark) ein atypisches Frühwerk angeboten, „Russische Ostern“, um 1920 – wer wußte schon, daß Radziwil sich damals für Chagall begeisterte. Aus der Kunst der – wieder einmal neuentdeckten – zwanziger Jahre sind zwei Landschaften hervorzuheben: „Elmau“ von Gabriele Münter, die heute auch in ihren Arbeiten nach der Kandinsky-Zeit hoch geschätzt wird (25 000 Mark), und von Carl Hofer eine seiner hinreißenden (nicht nachgemalten!) Tessinlandschaften („Bei Lugano“ 1926, Schätzpreis 60 000 Mark). Eine kleine Sonderhausse hat Otto Modersohn zu verzeichnen, von der nun auch schon seine bisher kaum beachteten späten Landschaften profitieren (35 000 Mark für seine „Abendliche Heide“ von 1939 – ein stolzer Preis). Dagegen sind zwei Aquarelle von Grethe Jürgens aus ihrer besten Zeit auf zusammen sage und schreibe 400 taxiert, eine kuriose Fehleinschätzung, und eine Trouvaille (nicht die einzige glücklicherweise) für den Sammler. (Kunsthaus Lempertz, Versteigerung am 17. Mai, Katalog 20 Mark)

Gottfried Sello

München: „Planet Meer – Unterwasserkunst von Jürgen Claus“

Wer am Mittwochabend im Fernsehen den Film „Planet Meer“ gesehen hat, kann sich nun eine Vorstellung davon machen, was Jürgen Claus meint, wenn er vom „Erlebnis Meer, gesehen mit den Augen eines Künstlers“, spricht. Es ist allerdings mehr als zweifelhaft, ob die Inszenierung des Wassers so faszinierend war, wie sie hätte sein können, und das hat nichts mit Claus’ Ideen zu tun, sondern mit ihrer Verwirklichung. Kurz, ein Teil seiner Vision scheiterte am ungenügenden Budget des Films. Hinzu kam eine Regie (von dem Dokumentarfilmer Sigurd Tesche), die immer wieder im unklaren ließ, ob das jetzt ein Unterwasser-Naturfilm war oder ein Film über Kunst unter Wasser. Vom Text, zu dem sich im Abspann niemand bekennen wollte, ganz zu schweigen. Die Photos, die Claus selber macht, informieren über seine Aktionen nicht weniger anschaulich, verdeutlichen sein Konzept vielleicht sogar genauer. Es handelt von der Begegnung der „Kunstformen der Natur“ – so hat Ernst Haeckel seine Sammlung von Vorbildern für die Kunst genannt – mit „Naturformen der Kunst“ (Jürgen Claus). Der Radiolarien-Forscher Haeckel hatte die Beispiele auch der Meeresfauna entnommen, Claus bringt einige dieser Formen, stark vergrößert, ins Wasser zurück. In seiner Welt unter Wasser gibt es zudem künstliche Sonnen und Sterne, ein hübscher Einfall – das Meer als Himmel. Claus beschäftigt sich aber nicht nur mit der Poetisierung des nassen Elements, er hat auch praktische Vorschläge für eine sinnvolle, Ausbeutung und Verschmutzung ausschließende Verwendung der Meere. So plädiert er für die Verlegung der Olympischen Spiele auf den Ozean, den Bereich der Erde, der noch nicht aufgeteilt ist nach „Nationen, Rassen, Religionen“. Die schwimmende Olympiastadt, zwischen den Spielen benutzbar als Weltuniversität, könnte in verschiedenen Gegenden der Welt vor Anker gehen, nahe am Land, aber stets exterritorial und damit dem Prestigedenken eines Staates entzogen. Eine Utopie, sicher, aber eine gerade heute höchst aktuelle. (Project Gallery bis zum 31. Mai)

Helmut Schneider

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