Der Titel dieser kleinen Schrift, in der sich Kant populär gibt, soweit ihm das gegeben ist, wird oft in bezeichnender Weise falsch als „Vom ewigen Frieden“ zitiert. Davon jedoch ist garade nicht die Rede. Auch ist „Zum ewigen Frieden“ nicht etwa mißzuverstehen als „(Gedanken) zum ewigen Frieden“ (jemand, der wie Kant mühelos lateinisch schrieb, verwechselt nicht ad pacem mit de pace, sondern es bedeutet, den Titel einmal zu einer kleinen Inhaltsangabe erweiternd: „(Gedanken über einen möglichen Weg) zum ewigen Frieden.“

Die Erklärung verliert nichts von ihrer Gültigkeit dadurch, daß Kant, in einem Anflug von bei ihm wahrhaftig seltenem zynischen Witz, auf das Schild eines Gasthofs „Zum ewigen Frieden“ hinweist, das mit Gräbern illustriert gewesen sei. Denn von dieser Art ewigen Friedens ist in der danach folgenden Abhandlung nicht die Rede. Freilich mag es wohl so verstanden werden: Liebe Leser, glaubt nur ja nicht, hier schriebe ein weltfremder Philosoph, der spinnt, der nicht wüßte, daß ewiger Friede uns am verläßlichsten erst nach dem Tode erwartet. Dennoch ist der Essay den Zeitgenossen als weltfremd erschienen. Und als so richtig politisch aktuell können wir ihn auch heute kaum verstehen.

Kant gibt ihm die Form eines der damals üblichen Friedensverträge mit (sechs) „Präliminarartikeln“, (drei) „Definitivartikeln“, (zwei) Zusatzartikeln und dazu einem, in Friedensverträgen weniger üblichen, philosophischen Anhang.

Wir dienen dem Leser wohl am besten, wenn wir die Artikel, einen nach dem anderen, nennen und kurz kommentieren. Dabei bestimmen die Präliminarartikel, was alles nicht mehr sein soll, damit Friede sein kann, während die Definitivartikel festhalten, was sein muß, um den Frieden zu sichern.

Präliminarartikel 1: „Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“

Kant hätte den Vertrag von Versailles mit seinen Gebietsabtretungen und Tributforderungen als einen faulen Frieden erkannt und vermutlich auch im Vertrag von Potsdam den Keim des Kalten Krieges aufgespürt.

Präliminarartikel 2: „Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem anderen Staat durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“