Von einem Jungen im Hitler-Reich, von einem kritischen Leser, von einem Freund, von einem Herausgeber, von einem Kinobesucher: von Rudolf Walter Leonhardt

Er hat im Laufe von mehr als vierzig Jahren sonderbare Verwandlungen durchgemacht: der menschlichste aller Zyniker, der schnodderigste aller sentimentalen Sachsen, der liebenswerteste aller Literaten – eben Fabian. Am Anfang sah er für mich mir selber zum Verwechseln ähnlich. Dann lernte ich, Erich Kästner kennen, und je besser ich ihn kannte, desto deutlicher wurde mir: Fabian ist Erich. Jetzt kommt er mir in der Gestalt des Schauspielers Hans Peter Hallwachs, ziemlich fragwürdig zunächst, aber nicht unsympathisch.

Im Hause meines Pflegevaters, des Kantors und Lehrers Kurt Klein, standen viele Bücher. Die für mich interessantesten standen in der hinteren Reihe, verdeckt durch harmlose Klassiker. Wir waren im Jahre 1937. Neben Marx und Lenin, Heine und Tucholsky standen dort auch die Gedichtbände „Herz auf Taille“, ‚Lärm im Spiegel“, „Ein Mann gibt Auskunft“ und der 1931 erschienene Roman „Fabian“ von Erich Kästner.

Aus meinem Tagebuch, am 9. Februar 1937: Wieder mal im „Fabian“ gelesen. Unterhaltend? Gewiß. Sexualaufklärung? Sicher. Aber das geht eben auch weit darüber hinaus unsere Generation an. Mit niemandem kann ich, mich identifizieren wie mit Kästner. Oder mit Fabian? Ist da ein Unterschied? Ich würde gern Kästner kennenlernen, um das zu erfahren. Zitat aus dem Fabian: „Zehn passable Frauen waren am Lager, und mit sechsen schlief ich. Die nächste Zukunft hatte den Entschluß gefaßt, mich zu Blutwurst zu verarbeiten. Was sollte ich bis dahin tun? Bücher lesen? An meinem Charakter feilen? Geld verdienen? Ich saß in einem großen Wartesaal, und der hieß Europa. Acht Tage später fährt der Zug. Das wußte ich. Aber wohin er fuhr und was aus mir werden sollte, das wußte kein Mensch.“ Also, sechs waren’s nicht. Aber sonst stimmt alles. Natürlich haben, die Metzer recht: Hitler bedeutet Krieg. Und was kann ich dagegen tun?

Gescheit, lapidar, gewollt schnodderig

So weit die Tagebuch-Eintragung. „Die Metzer“ sollte wohl erklärt werden, das waren meine Verwandten mütterlicherseits. Mein Vater war ein aus Böhmen eingewanderter Sachse.

Ich lernte den Fabian-Autor erst nach dem Krieg kennen, als ich schon promovierter Philologe und eine Art Experte für Erich Kästner und Heinrich Heine geworden war.

Natürlich ist ein Schriftsteller niemals völlig identisch mit einer Romanfigur. Auch manche anderen Figuren im „Fabian“ reden wie Kästner: trotz scheinbar trivialen Sprüchen gescheit, sehr lapidar und gern gewollt schnodderig. Labude vor allem ist ja so eine Art Mit- und Gegen-Fabian. Die große Arbeit über Lessing, die Kästner selber gern geschrieben hätte, läßt er Labude schreiben. Und Labudes Abschiedsbrief hätte auch Fabian oder Kästner schreiben können: „Lehrer hätte ich werden müssen, nur die Kinder sind für Ideale reif.“

Wie sein Autor ist Jakob Fabian Dresdener und im Februar 1899 geboren. Wenn Fabian 1931 sagt, es seien sechs Jahre her, daß Professor Driesch ihn über Descartes geprüft habe, so läuft das genau auf den Prüfungstermin des Dr. phil. Erich Kästner hinaus. Das Verhältnis Fabians zu seiner Mutter, die in Dresden Seife verkauft; entspricht genau den kästnerschen Familienverhältnissen: Mutter Ida Kästner empfahl sich in Dresden „zur Ausführung der einfachsten bis elegantesten Tages-, Ball- u. Braut-Frisuren“. Im Roman wie im Leben ist das Schema „Frau Großhennig und ihr Sohn“ zu erkennen, wie es, nach einem Kästner-Gedicht, in einer bitterbösen Parodie Robert Neumann treffend dargestellt hat.

„,Freilich‘, antwortete Fabian, ,ich bin ein Kleinbürger, das ist heute ein gioßes Schimpfwort.‘“

Aber nicht nur die reinen Äußerlichkeiten stimmen überein. Über Fabian heißt es: schätzte jenes frühe Stadium der Trunkenheit, das einen glauben machen will, man spüre die Umdrehungen der Erde.“ Das könnte von Hemingway gesagt sein (dann hieße es „he feels the earth move“) – oder von Kästner, die beide (nur Medizin-Statistiker unterscheiden zwischen „Alkoholikern“ und „Anti-Alkoholikern“) in den Whisky-Trinkern gehörten. Kästner und Fabian waren auch nicht „Raucher“, sondern „Zigaretten-Raucher“.

Wie Jakob Fabian liebte Erich Kästner die Untertreibung, haßte er öffentliche Auftritte (was ihn nicht daran hinderte, seinen Ruhm zu genießen). Er hatte eine herzliche Unnahbarkeit; eine spontane Förmlichkeit, die er nur bei Kindern und, seltener, bei Frauen und sehr guten Freunden ablegte. Er war scheu. So wurde ihm in seinen späteren Jahren die autobiographische Komponente des „Fabian“ eher peinlich. Er betonte gern den „satirischen“ Charakter des Romans. Und alle haben’s nachgebetet: „Fabian“ ist eine Satire.

Gewiß enthält der Roman satirische Elemente: das Strandfest in Haupts Sälen ebenso wie die Szenen in Ruth Reiters Atelier und im Lesbierinnen-Lokal „Cousine“. Dazu gehört auch der Ehekontrakt der blonden Nymphomanin: „Die Vertragspartnerin verpflichtet sich, jeden Menschen, mit dem sie in intime Beziehungen zu treten wünscht, zuvor ihrem Gatten, Herrn Doktor Felix Moll, vorzuführen. Spricht sich dieser gegen den Betreffenden aus, so ist Frau Irene Moll angewiesen, unverzüglich auf die Ausführung ihres Vorhabens zu verzichten.“

Es ließen sich viele andere Stellen finden, die satirischen Charakter haben. Ganz frei von satirischer Überzeichnung jedoch ist die Welt der Figuren, die den Roman tragen: Fabian, die Mutter, Fabians Freund Labude, Cornelia.

Als der S. Fischer Verlag einmal wieder dran war mit einem der damals florierenden „Bücher der neunzehn“, hatte Janko von Muslin zwei folgenschwere Einfälle: 1. Sie wollten eine Kästner-Auswahl machen (für die sie gar nicht die Rechte hatten), und 2. ich sollte sie herausgeben.

Ich erinnere mich gern daran. Das hat einen materiellen und einen ideellen Grund. Zum ersten und einzigen Male ist es mir damals (mit Kästners Hilfe) gelungen, einem Verlag meine Bedingungen abzuringen. Ich sollte ein Pauschalhonorar von 4000 Mark bekommen. Ich bestand, auf einem Erfolgshonorar: ein Prozent des gebundenen Ladenpreises. Das Buch verkaufte sich im gut, ich war ein Jahr lang alle finanziellen Sorgen los. Vor allem aber war ich in jener Zeit so oft mit Erich Kästner zusammen wie vorher oder nachher nie. Wir waren beide Sachsen, die sich am leichtesten bei gemeinsamer Arbeit treffen.

Die Frage der Moral

Durch S. Fischers „Kästner für Erwachsene“, inzwischen längst vergriffen, gewann der Roman „Fabian“, der ursprünglich „Der Gang vor die Hunde“ heißen sollte und im Untertitel behauptet, „die Geschichte eines Moralisten“ zu sein, viele neue Leser. Wieviele wird er gewinnen durch den Film, der jetzt läuft?

Ein Kassenmagnet ist der Film wohl nicht. Jedenfalls saßen im Hamburger Kino-Center Hauptbahnhof außer mir nur noch fünfzehn Menschen, von denen vier trotz zwei lebensnah gefilmten Koitus-Szenen während der Vorstellung weggingen.

Was über den Film in der ZEIT zu sagen ist, hat unser Filmkritiker Hans C. Blumenberg in der Nummer 17 gesagt. Aus meiner Perspektive mögen noch ein paar Hinweise erlaubt sein. Wie, stelle ich mir vor, würde Erich Kästner auf diesen Film reagieren?

Er wäre, glaube ich, obwohl dieses die ihn selber am meisten angehende Figur ist, zufrieden mit dem Fabian von Hans Peter Hallwachs. Auch der Labude ist durchaus akzeptabel. Die beiden wichtigen Frauen jedoch – für Fabian wichtig, für Kästner wichtig, überhaupt wichtig – sie sind mißlungen: die Geliebte und die Mutter.

Es ist nicht einzusehen, warum aus der Friseuse, der Seifenverkäuferin, der typischen sächsischen Kleinstbürgerin im Film eine recht gepflegte und offensichtlich nach Höherem strebende Leihbibliothekarin gemacht werden, mußte. Die rührend-rührselige All-Güte der Mutter, die Kästner beherrschte, die den Fabian beherrschte, wird so zu einer eher überflüssigen Idylle am Rande. Lieblos wie die Mutter wird die Geliebte von dem Filmregisseur behandelt. Typisch, daß keine andere Frau so lange nackt zu sehen ist und so lange vor der Kamera im Beischlaf stöhnen muß wie sie. Das verzerrt alle Perspektiven. Cornelia ist bei Kästner ein zwar nicht physisch, aber psychisch unschuldiges Mädchen aus der Provinz. Im Film ist sie von Anfang an darauf angelegt, Karriere durch die Betten der Produzenten zu machen. Aber dann stimmt ja alles nicht mehr. Dann ist nicht mehr einzusehen, warum für Fabian eine Welt zusammenbricht, als sie ihn verläßt, warum er zurück zur Mutter nach Dresden gehen muß.

Im Film geht er – der Regisseur hat offenbar die nicht nur für Kästner gültige Austauschbarkeit von Mutter und Geliebter nicht ganz verstanden – am Ende auf irgendein idyllisches Dorf, das keine anderen Bedingungen erfüllen muß als die, einen Fluß in der Nähe zu haben, in dem Fabian ertrinken kann.

Fern sei es von mir, einen Film schlechtzumachen, der viel mehr Besucher verdient, als er in Hamburg zu finden scheint. Vor allem die Fabian-Figur des Hans Peter Hallwachs wird mir immer lieber und Vertrauter, je länger ich über sie nachdenke: Das ist nicht mehr mein Fabian, das ist kein Kästner-Fabian und auch kein „Fabian 65“, aber es ist ein Fabian, mit dem, wie ich erfahren habe, auch die 80er-Generation sich identifizieren kann.

Zwei wichtige Mißverständnisse bedürfen noch der Aufklärung. Da ist zum einen der Stil des Lapidaren, Gerafften, das Cool wie man es in Disco-Kreisen wohl nennen würde. Und da geht es zum anderen darum, was Kästner, der darauf besteht, ein „Moralist“ zu sein, meinte mit „Moral“.

Kästner scheute sich immer, groß zu tun mit großen Ereignissen und Gefühlen. Geschwätzig war er nie. Aber die Kürze, in der er die drei wichtigsten Ereignisse des Buches abtut, muß einen Filmregisseur in Verlegenheit bringen.

Cornelias Liebe:

„Wie heißt du eigentlich?“ fragte er.

„Cornelia“

Als sie nebeneinander im Bett lagen ...

Cornelias Verrat:

„Sie wollen mich im nächsten Film herausstel-

len. Morgen unterschreibe ich den Kontrakt. Ma-

kart hat mir zwei Zimmer gemietet. Es ist nicht

zu umgehen.“

Fabians Tod, das als Beispiel für eben diesen Lapidarstil bereits in die Literaturgeschichte eingegangene Ende des Romans (ein kleiner Junge ist ins Wasser gestürzt):

Da zog er die Jacke aus und sprang, das Kind zu retten, hinterher. Zwei Straßenbahnen blieben stehen. Die Fahrgäste kletterten aus den Wagen und beobachteten, was geschah. Am Ufer rannten aufgeregte Leute hin und wieder.

Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.

Es bleibt die Frage der Moral des Moralisten zu klären. Dabei handelt es sich natürlich nicht um das, was Kästner einmal „die Moral der Zimmer-Vermieterinnen“ genannt hat. Im Gegenteil hatte er ja immer wieder Ärgernis erregt durch seine Verstöße gegen diese Moral, in den Gedichten wie im „Fabian“, zu dem Kästner selber sagte: „Der Autor weist wiederholt auf die anatomische Verschiedenheit der Geschlechter hin. Er läßt in verschiedenen Kapiteln völlig unbekleidete Damen und anderes Frauen herumlaufen. Er deutet wiederholt jenen Vorgang an, den man, temperamentloserweise, Beischlaf nennt. Er trägt nicht einmal Bedenken, abnorme Spielarten des Geschlechtslebens zu erwähnen.“

Vom „kleinen Unterschied“

Aber auch von einer Moral der Emanzipation kann bei Kästner-Fabian keine Rede sein, zum Kummer vieler jüngerer, vor allem weiblicher Leser. Zwar ist er bereit, ohne empörte Aufregung alles zu tolerieren, was zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen Frauen und Frauen, zwischen Männern und Männern möglich ist, weil es halt dazugehört zum Ganzen, weil es das Anomale geben muß, damit das Normale sich definieren kann. Aber normal ist für ihn ohne jeden Zweifel: daß Männer wesensverschieden sind von Frauen (den Jubelruf vom „kleinen Unterschied“ hat zum erstenmal er ausgestoßen); daß Männer um Frauen werben; daß Frauen „sich hingeben und dabei nur dann nichts verlieren, wenn Liebe im Spiel ist; daß Mädchen heiraten und Kinder haben wollen. In einer „Hierarchie der Liebe“ stünden bei ihm die Kinder an erster Stelle, es folgten die Mütter und schließlich die Freunde und Freundinnen. Mit den Vätern, darin ist er ganz modern, hat er nicht viel im Sinn.

Kästners Moral hat ihre Bezugspunkte außerhalb des Sexuellen. Seine Tugenden heißen: Liebe, Treue, Mitleid, Gelassenheit, Bescheidenheit, Rücksicht, Großzügigkeit, Toleranz.

Reiche, so meint er, tun sich mit solchen Tugenden schwerer als Arme. Aber „man ist noch nicht gut und klug, bloß weil man arm ist“. Und die eigentliche Lichtgestalt des „Fabian“ ist Stephan Labude, ein reicher junger Mann.

Andererseits schrieb er auch schon vor fünfzehn Jahren, eben im „Fabian“, prophetischen Gemüts: „Wollte man ihm etwa weismachen, der Mensch würde gut, wenn es ihm gut ginge? Dann müßten ja die Beherrscher der Ölfelder und der Kohlengruben wahre Engel sein!“

Kästners Moral war die der klassischen Ethik mit dem niemals endenden Abwägen von „gut“ und „böse“. Dabei wollte er von scharfsinnigen Komplikationen so wenig wissen wie von nichtssagenden Abstraktionen. Die Tugendlehre der Moralisten Kästner und Fabian ließe sich wohl so formulieren: Sogenannte Laster, die einer mit sich selber abmacht, denen zwei oder mehr freiwillig frönen, sind weder gut noch böse. Gut ist, was anderen hilft. Böse ist, was anderen schadet. Dazu oder statt dessen Kästners noch kürzere Formel: „Es gibt nichts Gutes, anßer man tut es.“