Von Hans-Hermann Klare

Berlin

Die Hörsäle quollen über. Bärtige in roten Latzhosen und junge Frauen, gefärbte Windeln um den Hals, lauschten den Diskussionen, schlängelten sich durch dichtgedrängte Menschenreihen, stritten freundschaftlich um Alternatives. Während die ärztlichen Standesfunktionäre im künstlichen Licht des klimatisierten Congress-Centrums die finanzielle Selbstbeteiligung der Kranken forderten, räkelten sich die jungen Abtrünnigen des Standes mit Freunden in der Sonne auf dem Rasen der Freien Universität. Etwa zehntausend Ärzte, Medizinstudenten, Schwestern, Pfleger und Patienten probten in Berlin den Aufstand beim ersten Gesundheitstag gegen die Technisierung der Hospitäler und die Abfertigungsmethoden in mancher Praxis. Sie wollten gemeinsam über eine menschlichere Medizin nachdenken, in deren Mittelpunkt die Kranken und Schwachen stehen sollen.

Den Kongreß eröffnete eine Diskussion zum Thema „Medizin und Nationalsozialismus“. Die Medizinhistoriker Gerhard Baader und Friedolf Kudlien waren mit den Ärzten auf dem Podium einig, daß sich ihre Standeskollegen um das heiße Eisen drücken. Die Tabuisierung der Nazi-Medizin – so die einhellige Meinung der Gesprächsteilnehmer – verhindere die Kritik der heutigen Gesundheitsversorgung, die manche Tradition kontinuierlich fortführe: Aussonderung psychisch Kranker in Anstalten, medikamentöse und chirurgische Kontrolle von Denken und Fühlen, Reparatur von Organen statt Interesse am ganzen Menschen.

Mehr als dreihundert Seminare und Vorträge füllten das Programm der fünf Gesundheitstage. Viele Teilnehmer waren nach Berlin gekommen, um Modelle einer besseren Medizin kennenzulernen. Da hockten dann die Neugierigen in der schlechten Luft der überfüllten Räume und quetschten ihre Kollegen über Erfahrungen in Gemeinschaftspraxen aus, in denen Ärzte und Psychologen gleichberechtigt therapieren. „Was ist bei euch eigentlich alternativ, wenn ihr Ärzte und Helferinnen nach Angestellten-Tarifen ungleich bezahlt?“ wollte einer von der Sprecherin eines Mammut-Projekts wissen, in dem siebzig Ärzte, Therapeuten und Helfer eine neue Form ambulanter Behandlung versuchen.

Andere üben sich in Massage-Techniken, lernen bewußtes Atmen, den Umgang mit Heilkräutern. Sie suchen nach neuen Wegen neben und nach ihrem Studium, genießen das Gefühl zusammenzugehören. Der junge Arzt, der sich auf dem Lande niederlassen will, sprach wohl für viele andere: „Ich habe festgestellt, daß ich nicht allein und ohnmächtig bin. Viele denken so wie ich und haben neue Sachen ausprobiert.“

Die Bewegung hat bereits ihre Gurus: Robert Jungk, dessen Aufruf zur dauernden Anstrengung für eine andere Medizin frenetisch beklatscht wurde; France Basaglia, der in Italien die Auflösung der psychiatrischen Kliniken betrieb, um den Insassen in therapeutischen Wohngemeinschaften und Tageskliniken ein Leben im Alltag möglich zu machen.