Als er in den Westen kam, hatte er zuvor als Dreiundzwanzigjähriger neben anderen den Moskauer Tschaikowskij-Wettbewerb gewonnen. Er wurde gefeiert, und für die bundesdeutsche Plattenindustrie besaß er nur einen Makel: Viele wichtige Stücke der Geigen-Literatur hatte Gidon Kremer schon in Moskau aufgenommen, die Ariola mit ihren Ost-Kontakten brachte die Platten bei uns auf den Markt.

Als er im Westen bleiben durfte und dann sogar länger blieb, als seine Papiere erlaubten, machte er eine glänzende Karriere, wird jetzt überall gefeiert und besitzt für Veranstalter wie Plattenproduzenten nur einen Makel: Gidon Kremer will außer Publikumsreißern auch und vor allem ein Rand-Repertoire spielen, Sibelius, Satie und Prokofieff, Schönberg und Stockhausen, dazu die zeitgenössischen Russen Schnittke und Denissow.

Als er im Dezember 1979 mit der Polydor International/Deutsche Grammophon einen Vertrag über Tschaikowskij, Vivaldi, Beethoven, Strawinsky, Satie, Ravel, Prokofieff abschloß, sollte dies der Anfang und die Basis für einen ab 1.1.1981 gültigen Exklusiv-Vertrag bilden. Der Vertrag wurde gefeiert, er besaß nur einen Makel: Er wurde nicht eingehalten. Als Gidon Kremer nämlich das Gefühl hatte, haben mußte, es würden da einige Aufnahmetermine immer wieder verschoben oder kämen gar nicht erst zustande, da auch die weniger auf das Repertoire als vielmehr auf Persönlichkeiten sich konzentrierende Grammophon auf einige unbequeme Titel nicht einsteigen wollte, schloß Kremer mit anderen Produzenten Verträge über eben solche Stücke ab, und dies mit Terminen, die noch innerhalb des Jahres 1980, also vor der beabsichtigten Exklusivbindung, beendet sein sollten. Gidon Kremer wurde – „... haben Sie die faktische Exklusivität verletzt... ist das Vertrauensverhältnis in einer Weise gestört worden, die es uns unzumutbar erscheinen läßt...“ – gefeuert, fristlos.

Nun könnte man dies ansehen als einen jener in der Wirtschaft nicht gerade seltenen Vorgänge, wo Rigorosität und Naivität, Empfindlichkeiten und Mißverständnisse, Kommerzialismus und Egozentrik aufeinanderprallen, der scheinbar Stärkere, sich noch etwas aufplusternd, dem anderen seine Macht demonstriert und das Gesetz des Kapitalismus „to hire and to fire“ anwendet.

Es gibt auch eine Reihe von durchaus ernstzunehmenden Stimmen, die hier – und schon gerät man in einen Dschungel von Gerüchten, nicht dokumentierbaren Annahmen, niemals beweisbaren Verdächtigungen – von Intrigen, vom Kampf einer Künstler-Mafia (Tel Aviv ist da nicht weit) gegen die Konkurrenz sprechen. Natürlich muß Polydor International jede Spur einer diesbezüglichen Andeutung laut und weit von sich weisen – dem Dementi wird dadurch nicht automatisch die Richtigkeit bestätigt.

Darüber hinaus aber wollen Bemerkungen sehr ernst genommen werden, die zwar ebenfalls aus dem nebulosen Bereich zwischen Gerüchteküche und verbürgter Wirklichkeit stammen, aber doch mehr sind als nur yellow press machinations. Danach hat die Grammophon – die eine Menge Verträge mit staatlichen sowjetischen Firmen unterhält – sich getrennt von einem russischen Künstler, der im Westen nicht nur seinen Geigenbogen, sondern auch seinen Verstand und seine Artikulationsfähigkeit benutzt; der den einen, den Sowjetrussen, als Dissident gilt; der den anderen, denen, die der Sowjetunion endgültig den Rücken kehrten, (und selbst die Grammophon benutzt hier, vermutlich nicht ohne Anlaß, den Begriff „Rostropowitsch-Syndrom“) nicht Dissident genug ist.

Klarheit ist in dieses Dickicht wohl kaum zu bringen. Eine Frage aber bleibt vor allem: Gidon Kremer besitzt künstlerische wie ökonomische Reputation genug, daß die Kündigung ihn nicht treffen kann (und prompt hat eine andere Firma die nicht erfüllten Vertragswerke aufzunehmen angeboten). Was aber geschieht mit einem weniger renommierten, eventuell gerade erst beginnenden Künstler, der diese Stützen noch nicht besitzt, sie sich von einer Industrie erhofft – und nun erfahren muß, daß Plattenproduzenten nicht in erster Linie Kulturträger, sondern Hersteller und Verkäufer schwarzer Kunststoffscheiben sind. Heinz Josef Herbort