So teuer hat kaum ein deutscher Autor für ein Buch bezahlen müssen wie Lessing für seine Streitschriften gegen den Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze. Die Überlebensgroße dieses Werkes, der einzig fortwirkenden Polemik der deutschen Literatur, mag heute triumphal erscheinen; damals bekam der Angreifer die Wucht seiner Attacke auf die theologischen Vormünder zuerst und am schwersten zu spüren: Er büßte die Zensurfreiheit ein, wurde mit „schwerer Ungnade“ seines Herzogs bedroht, verlor die Sympathie vieler Bewunderer; und das Theaterpublikum zwischen Hamburg und Wien, dem Lessing schon beinah als ein Klassiker galt, fand sich in seiner Verehrung düpiert.

Diese Arbeit eines halben Jahres hat Lessing zwar nicht das Leben gekostet, aber vergällt, es hat den fast Fünfzigjährigen in seinen letzten drei Jahren um Ruhm und Ruhe gebracht. Die tapfere und intelligente Solidarität der Freunde in Braunschweig und in Hamburg kann nicht darüber hinwegtäuschen: Hier war einer, binnen weniger Monate des Jahres 1778 vom freien zum vogelfreien Schriftsteller geworden: Störenfried, Staatsfeind, Antichrist. In Wolfenbüttel kursierte der Schimpfvers:

Der Teufel kam einmal auf Erden

Und wollte gern ein Blankschmied werden.

Doch hat er weder Zinn noch Messing,

Drum nahm er den Professor Lessing.

Kurz vor seinem Tod, in einem Brief an Moses Mendelssohn, hat Lessing das Klima des Hasses und der Verleumdung, in dem er seit dem „Anti-Goeze“ leben mußte, lakonisch beklagt: „Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tötend, so doch erstarrend.“

Dabei hatte er immer gern gestritten, Polemik war für ihn ein Lebenselixier. „Ein kritischer Schriftsteller“, sagte er einmal, „suche sich nur erst jemanden, mit dem er streiten kann, so kömmt er nach und nach in die Materie; und das übrige findet sich.“ Und es war Lessings Überzeugung, „daß die Menschen noch über nichts in der Welt einig sein würden, wenn sie noch über nichts in der Welt gezankt hätten.“ Aber die Auseinandersetzung mit Goeze, die als ein kritischer Dialog über die Begründung und Wirkung der christlichen Religion zu beginnen scheint, gerät vom Streit rasch zur Schlacht, von der Schlacht zum Krieg, und der geht nicht ohne Verwüstung ab.

Gezankt, natürlich, wird auch. Goeze gegen Lessing: „Wahrlich, Herr Lessing muß wissen, daß sein Vorrat an Stinktöpfen unerschöpflich sei ...“ Lessing gegen Goeze: „Es ist erlaubt, den Eimer faulenden Wassers, in welchem Sie mich ersäufen wollen, tropfenweise auf den entblößten Schädel fallen zu lassen.“

Der „Anti-Goeze“ (mitsamt den Gegenschriften des Pastors) zeigt den Konflikt des Aufklärers mit dem um seine Lämmer besorgten Seelenhirten; den der Vernunft mit dem Glauben; den des Zweifels mit dem Gebet. Es geht um Fragen der Offenbarung, um die Stichhaltigkeit biblischer Vorgänge, um Religionspunkte. Und dennoch kann man sich dem „Anti-Goeze“ zunächst als einem politischen Buch nähern, als einer Schutzschrift für den mündigen Bürger, als einem Aufruf zum Gebrauch der kritischen Vernunft auch in Staatsdingen.

Denn der Pastor Goeze spricht nicht nur als Theologe; er spricht sehr eifrig auch als Diener von Ordnung und Staat. Er hütet die christliche Religion schon deshalb so peinlich, weil „die ganze Glückseligkeit der bürgerlichen Verfassung auf demselben beruhe“, und er fragt besorgt: „Wird nicht mit der Ehrerbietung gegen die Heilige Schrift und Religion auch zugleich die Bereitwilligkeit, – ihren Oberherren des schuldigen Gehorsam zu leisten... in ihren Herzen ausgelöscht werden?“ Und wenn schon über die Religion gestritten werde, dann, bitte, auf Lateinisch.

Lessing höhnt, mit republikanischem Furor, zurück: „Oder meinen Sie auch, Herr Pastor; daß es gleich, viel ist, was die Verständigen im Verborgenen glauben, wenn nur der Pöbel, der liebe Pöbel, fein in dem Gleise bleibt, in welchem allein ihn die Geistlichen zu leiten verstehen; Meinen Sie?“ Und noch einmal in stärkerem Ton: „O glückliche Zeiten, da die Geistlichkeit noch alles in allem war – für uns dachte und für uns aß? Wie gern brächte euch der Herr Hauptpastor im Triumphe wieder zurück! Wie gern möchte er, daß sich Deutschlands Regenten zu dieser heilsamen Absicht mit ihm vereinigten! ... Nun, wenn sie nicht hören wollen, so mögen sie fühlen. Witz und Landessprache sind die Mistbeete, in welchen der Same der Rebellion so gern und geschwinde reifet. Heute ein Dichter: morgen ein Königsmörder

Der demokratische Elan, das politische Plädoyer Lessings in den Schriften gegen Goeze sind aber nur Teil, fast nur eine Randerscheinung ihrer Aktualität. Denn deren Kern ist nach wie vor die Frage nach Gott und der Welt, nach dem Verhältnis von Vernunft und Glauben, von Geschichte und Offenbarung, von Wunder und Wirklichkeit. Das, was zwischen Lessing und Goeze wirklich zur Debatte stand, wird in der Theologie immer noch diskutiert; ein so prominenter Kirchenmann wie Hans Thielicke hat jüngst die Positionen auszugleichen versucht; und in dem Konflikt Hans Küngs mit der katholischen Orthodoxie kehren viele Momente des zweihundert Jahre alten Disputs wieder.

Die theologische Grundfrage des „Anti-Goeze“ ist aber nicht für Fachleute allein interessant: Sie betrifft, wie ein aktuelles Taschenbuch, unsere Zeit, die voll ist von Glaubensbedürftigkeit und Mythensehnsucht, von Gottesverlangen und Transzendenz-Taumel; die von sich selbst das Gefühl hat, sie sei nicht recht bei Tröste; die aber auch weiß, daß sie nicht einfach aus ihrer Geschichte heraustreten kann. Kierkegaard, zum Bewunderer Lessings geworden, hat die Frage des „Anti-Goeze“ auf den einleuchtenden Sitz reduziert: „Wie kann ich meine Seligkeit auf ein historisches Wissen gründen?“

Die Wunder von damals – für Lessing sind sie Berichte von Wundern geworden, ohne die Kraft der Offenbarung. „Das“, schreibt er, noch Tor dem ersten „Anti-Goeze“, „das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüber helfen, der tu es; ich bitte ihn, ich beschwöre ihn. Er verdienet ein Gotteslohn an mir.“

So wenig Lessing den Streit mit Goeze gesucht hatte, den er aus seiner Hamburger Zeit kannte und sogar schätzte, so gewiß hatte er selbst das Forum für eine große, zeitbewegende Auseinandersetzung mit den Theologen seiner Zeit freigemacht: Zuerst im Jahr 1774, dann wieder 1777 und 78 hatte er Fragmente eines „Ungenannten“ veröffentlicht, Texte, die mit der Bibel kritisch, ironisch, analytisch umgingen und mit provokanten Überschriften („Von Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln“) nicht geizten. lessing wollte die Provokation, die er mit der Veröffentlichung beging, und er führte die Leser vorsichtshalber auf eine falsche Spur: Er habe das Manuskript in der Wolfenbütteler Bibliothek (deren Leiter er seit 1770 war) gefunden und wisse selbst nicht, wer der Verfasser sei. In Wahrheit hatte er das Manuskript aus Hamburg mitgebracht und hatte den (inzwischen verstorbenen) Autor zu seinen Freunden gezählt: Hermann Samuel Reimarus. Der angesehene Schulmann hatte seinen Zweifel an der Bibel in jahrelanger Arbeit und insgeheim zu Papier gebracht. (Das vollständige Werk – fast zweitausend Seiten Manuskript – ist erst vor zehn Jahren, im Insel Verlag, erschienen).

Lessing verteidigt seine Fragmenten-Publikation mit Sätzen, die manchem heutigen Bibliotheksleiter Ehre machen würden: „Wenn ich nun unter den mir anvertrauten Schätzen etwas finde, von dem ich glaube, daß es nicht bekannt ist: so zeige ich es an... und bin ganz gleichgültig dabei, ... ob es dem einen frommt oder dem andern schadet. Nützlich und verderblich, sind ebenso relative Begriffe als groß und klein.“ .

Diese Sätze weisen hin auf ein drittes Element des „Anti-Goeze“, vielleicht sogar auf das zentrale Ereignis: Diese Streitschrift handelt auch und vor allem von Lessing; sie ist ein hinreißendes Kapitel Selbstbehauptung, ein Stück vehementer Autobiographie, das dramatische Porträt eines kämpferischen, nein, eines kämpfenden Schriftstellers. Unsere Philologie wird ja nicht müde zu behaupten, Lessing habe leider nie Auskunft über sich selbst gegeben. Aber all seine Polemiken sind auch Ich-Darstellungen, und der „Anti-Goeze“ ist nicht zuletzt ein stolzer Pro-Lessing: „Wie lächerlich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen, sondern dem blanken Schwerte zuschreiben! Wie lächerlich also auch, die Überlegenheit, welche die Wahrheit einem Gegner über uns gibt, einem blendenden Stile desselben zuschreiben: Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz... Also von der, von der Wahrheit lassen Sie uns sprechen, und nicht vom Stil... Was hindert mich, in die Welt zu schreiben, daß alle die heterodoxen Dinge, die Sie jetzt an mir verdammen, ich ehedem aus Ihrem eignen Munde gehört und gelernt habe?

Denn ein Beitrag zum politischen Anstand dieser Gegenwart ist Lessings „Anti-Goeze“ auch.

Dieter Hildebrandt

Gotthold Ephraim Lessing: „Anti-Goeze“ (mit den Gegenschriften Goezes), in der Lessing-Werk-Ausgabe Band VIII, Hanser Verlag, München, 1979; 976 S.; 99,– Mark