Wer, wie die Habilitierten, die letzten zehn Jahre, und das hieß für die Betroffenen die Zeit zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Lebensjahr, der Hochschule gewidmet hatte, sah sich nun um die Früchte seiner Anstrengungen betrogen. Dafür sorgt einzig und allein ein Passus im Hochschulgesetz, der den Habilitierten oder Privatdozenten zum nebenberuflichen Hochschullehrer, ohne das Recht auf Anstellung an der Hochschule, erklärt. Man muß sich fragen, welchen Hauptberuf, wenn nicht den des Hochschullehrers, die Betroffenen durch ihre Qualifikation erworben haben.

Das Gesetz verpflichtet den „nebenberuflichen Hochschullehrer“ aber sehr wohl zu permanenter Lehre, die nahezu kostenlos zu erbringen ist. In Berlin, wo die Situation offensichtlich besonders skandalös ist, wird der Privatdozent für seine Pflichtvorlesung von zwei Wochenstunden mit ganzen 320 Mark pro Semester abgespeist. Er soll davon nicht nur seinen Lebensunterhalt bestreiten, sondern auch seine Lehrmittel bezahlen und auf internationale Kongresse fahren, um seine Qualifikation nicht zu verlieren.

Eine Verwaltungsanweisung in Berlin hält die Fachbereiche ausdrücklich an, Privatdozenten grundsätzlich keine Lehraufträge zu geben. Der Privatdozent wird so zum Lehrkuli, an dem die Universität sonst fällige Kosten spart. Die mit der Lehre verbundene Studien- und Prüfungsberatung gewährt der Privatdozent kostenlos. Für eine Prüfung im Rahmen des Staatsexamens am wissenschaftlichen Landesprüfungsamt erhält er 16,50 Mark. Die Habilitierten arbeiten also in der reichen Bundesrepublik, einem hochentwickelten Staat, weit unter dem Lohnniveau einer ungelernten Arbeitskraft. Soweit sie nicht durch Zuwendungen von Verwandten und Ehepartnern am Leben erhalten werden, fristen sie ihren Unterhalt von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe. Junge Wissenschaftler, deren Beruf es unter anderem ist, Bücher zu schreiben, können sich selbst keine mehr kaufen.

Nach den Eigenerhebungen der Berliner Privatdozenten-Initiative sind drei Viertel der Betroffenen verheiratet (haben im Durchschnitt zwei Kinder) und sind meist um vierzig Jahre alt. Das Alter höchster Produktivität fällt hier mit einem Zustand größter existentieller Bedrohung zusammen. Ein Zoologe, zweiundvierzigjähriger Familienvater, kann auf Grund glücklicherweise früher abgelegter Staatsexamen nun den Weg ins Referendariat für den höheren Schuldienst antreten (in dem er freilich, wie bekannt, auch keinen Anspruch auf Anstellung haben wird). Ein anderer Privatdozent bewirbt sich für die Umschulung in den höheren Polizeidienst – erfolglos, weil er (begreiflicherweise) in den Unterlagen seinen Habilitations-Status verschwiegen hat. Andere Forscher können noch von Glück reden, fachverwandt tätig zu sein: Ein organischer Chemiker arbeitet als Apothekenhelfer, ein Theaterwissenschaftler als freier Journalist, ein Geograf – durch Parteifreunde vermittelt – in der Stadtplanung. Die Situation der Frauen ist infolge der geschlechtsspezifischen Benachteiligung noch unbefriedigender.

Paradoxerweise verschlechtern sich für einen Wissenschaftler mit seiner Habilitation die wenigen Berufsaussichten außerhalb der Universität: Er gilt als „überqualifiziert“ und ist in der Industrie zum Beispiel schon deswegen wenig begehrt, weil man (wahrscheinlich zu Recht) in seiner langen Universitäts-Sozialisation eher hemmende Einflüsse in bezug auf die flexible Bereitstellung bloßer Arbeitskraft vermutet. Ohnehin besteht für einen Großteil der Wissenschaftler der Arbeitsmarkt ausschließlich in den akademischen Institutionen. Für den habilitierten Altorientalisten und Erkenntnistheoretiker, den Mathematiker oder Endosymbioseforscher gibt es praktisch keinen anderen Arbeitsplatz als in der Universität und an einigen wenigen halbstaatlichen Großforschungs-Einrichtungen, etwa den Max-Planck-Instituten.

Der öffentliche Arbeitgeber verfügt also über das Beschäftigungsmonopol – und tut zugleich, als wäre dem nicht so. Darüber hinaus weiß jeder, der den Wissenschaftsbetrieb kennt, wie stark auch die offiziellen Stellenausschreibungen oft nur den Schein gleicher Chancen für alle Bewerber vermitteln. Die Chancen der Berliner Privatdozenten dürften dabei im Bundesgebiet schlechter sein als umgekehrt die in Berlin für westdeutsche Wissenschaftler. Dazu kommt, daß mehrere Bundesländer durchaus Überleitungen für ihre Privatdozenten ermöglicht haben, Berlin aber sie – unter Berufung auf die negativen Folgen des Überleitungs-Booms von Anfang der siebziger Jahre – beharrlich verweigert. Wieder büßt die Assistenzprofessoren-Generation für die von ihr mitgetragene Reform.

Alle Argumente derer, die den Betroffenen eine sachlich und human zwingend naheliegende Lösung vorenthalten, kreisen um das Problem des sogenannten Automatismus: In Katastrophen- und Krankheitsmetaphern wird die Gefahr beschworen, die Anstellung der Privatdozenten könne zu einer „Schwemme“ von Habilitationen führen, dies wiederum zu einer „Drosselung“ der Habilitationsquote nach Gesichtspunkten von Bedarf und Finanzen, weil nach der festen Beschäftigung jener Betroffenen eine „Verstopfung“ der Laufbahnen sich einstellen müsse. Wollen die Verantwortlichen wirklich das geistige Potential und die Investitionen verschleudern?

Es gibt Anzeichen dafür, daß mit dem kalten Verabschieden der ersten habilitierten Assistenzprofessoren-Generation der Reformwille aus der technokratischen Hochschule ausgetrieben werden soll. Ein Staat aber, der sein kritisches Wissenschaftspotential vernachlässigt, fügt auf die Dauer sich selbst den größten Schaden zu.