Seltsame Lust, durch die nie zu erwandernden Labyrinthe der Bibliothek der Weltliteratur zu streunen, um ein literarisches Lebens-Paket zu schnüren der zwölf wichtigsten oder fünfzig unvergänglichen oder – wie hier – der „Hundert Bücher der ZEIT“. Während ich mich auf den Text über Hölderlins „Hyperion“ vorbereite, stoße ich auf eine Umfrage der „österreichischen Gesellschaft für Literatur“ vor zwanzig Jahren. Die Wiener fragten 1962 eine „Reihe berühmter Schriftsteller“ nach einer „Liste von Werken, die ihrer Meinung nach unbedingt von der jungen Generation gelesen werden müßten“. Carl Zuckmayer erinnerte sich damals an eine ähnliche Liste, die er, wieder zwanzig Jahre früher schon, aufgestellt hatte, um in der Emigration die literarische Bildung der Tochter Winnetou zu garantieren.

Im November 1941 schrieb Zuckmayer dem Schuldirektor einen Brief, der zum erstenmal veröffentlicht ist in Heft 4/1979 der österreichischen Zeitschrift Literatur und Kritik und in dem es heißt: „Ich glaube nämlich, daß man Literatur, Schrifttum, Dichtung, deutsche besonders, viel leichter über Lyrik und Drama erschließt – weil das einerseits die gemüthaften und erlebnismäßigen Niederschläge von Menschen und Zeiten –, andererseits eben das Wesen der ‚gebundenen Form‘ viel unmittelbarer nah bringt als Prosa und epische Literatur – die objektiveres und sachlicheres Studium verlangt Was nun die Klassik anlangt – wenig Goethe, mein’ ich – weil der, falls überhaupt was geweckt wird, sowieso später kommt... Von Schiller nur ein halbes Dutzend Gedichte und ja nicht ‚Die Glocke‘, ein paar von Hölderlin, sehr ausgesucht, zum Beispiel ruhig und grade aus den späten, hold irre klingenden, und nicht so sehr die antikisch gehobenen. Ich weiß es aus Erfahrung: ‚Mit gelben Blumen hänget‘ (Zuckmayer erinnert sich falsch, er schreibt „Blumen“ statt „Birnen“, R. M.) saugt sich ein wie eine betörende Musik – und später, nach zwanzig, möcht’ man auch plötzlich wissen, was der Hyperion dem Bellarmin zu sagen hatte; das darf man halt nicht verfrüht versuchen. Jetzt aber, dran, dran!“

Ja, was hatte der Hyperion dem Bellarmin zu sagen? Läßt sich das in nacherzählenden Worten überhaupt sagen? Geht es nicht jedem Leser so, wie Hölderlin es seinen Hyperion von der Lektüre Homers bekennen läßt: „Ich schlug sein göttlich Gedicht mir auf und es war, als hätt’ ich es nie gekannt, so ganz anders wurd’ es jezt lebendig in mir.“

Erstaunlich und immer aufs neue faszinierend bei einem Buch, das auch als philosophischer Traktat, als die – in einer (Wunsch-)Biographie anschaulich gemachte – Programmschrift des Deutschen Idealismus gelesen werden kann –: wie dieser Text, vor allem inhaltlichen Verstehen, durch seine Sprachmelodie, durch die frische Kraft seiner Bilder auf den Leser wirkt, der rasch zum Hörer wird, weil diese jubelnden oder klagenden Sätze stets an ein Du gerichtet sind, den Ton entzückten oder verzweifelten Sprechens an ein Gegenüber nie verleugnen, also laut gesprochen werden wollen: „Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüthen unsers Geistes und versengt sie im Entstehen ... Ach! und die Seele kann immer so voll Sehnens seyn, bei dem, dass sie so muthlos ist! .. Ich hatte meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge; ich spinne mich ein, weil überall es Winter ist... ja! eine Sonne ist der Mensch, allsehend, allverklärend, wenn er liebt, und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt... Tröste mich nicht, denn hier ist nichts zu trösten. Ich bin einsam, einsam, und mein Leben geht, wie eine Sanduhr, aus... Aber deine Worte sind, wie Schneefloken, unnüz, und machen die Luft nur trüber... Ach, wo ich stand, von deinen Augen umlauscht...“

Bedenklich, was wir da tun: einzelne Sätze aus dem erzählenden Zusammenhang lösen. Denn was Hölderlin schreibt, ist wirklich ein Roman, ein klar gebautes, episches Kunstwerk, nicht die Blütenlese poetischer Epigramme eines Lyrikers. Die große Wirkung des kleinen Romans rührt allerdings auch von dem Mißverständnis her, in diesem über Gedanke und Tat, Kunst und Leben, Freiheit und Tyrannei, Revolution und Reaktion nachdenkenden Text ließe sich für jede Ansicht oder Stimmung eine beweiskräftige Belegstelle finden.

Wer einen Roman-Text nur mit der verzerrenden Optik des (Gewalt-)Paragraphen 88 a wahrnehmen kann, müßte an den Staatsanwalt denken, wenn er liest: „O nehmt doch eure Söhne aus der Wiege, und werft sie in den Strom, um wenigstens von eurer Schande sie zu retten!.. Weg mit ihnen! Er darf nicht stehen, wo er steht, der dürre faule Baum, er stiehlt ja Licht und Luft dem jungen Leben, das für eine neue Welt heranreift ... Es werde von Grund aus anders!“

Die Gegenpartei derer, die es „immer schon gewußt“ haben, könnte den Finger auf solche Geständnisse legen: „Es ist besser, sagt’ ich mir, zur Biene zu werden und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt, und wie mit Wölfen, zu heulen mit ihnen, als Völker zu meistern, und an dem unreinen Stoffe sich die Hände zu befleken ... Ich war bekehrt, ich wollte niemand mehr bekehren...“

Im Tübinger Stift beginnt 1792 der zweiundzwanzigjährige Theologie-Student Johann Christian Friedrich Hölderlin, den die Freunde „Holz“ nennen, seinen Brief-Roman. Als Hofmeister auf dem Gut der Charlotte von Kalb im thüringischen Waltershausen versucht er, den Stoff in eine metrische Fassung zu bringen. Unter dem Eindruck der Vorlesungen des Philosophen Fichte schreibt der Gasthörer in Jena sein Buch um, das er, inzwischen Hauslehrer bei der Familie des Bankiers Gontard in Frankfurt, in die endgültige Fassung bringt, die 1797 und 1799 in zwei Bänden erscheint.

Anders als Goethe in seinem Brief-Roman „Werther“ schreibt Hyperion nicht aus der Unmittelbarkeit des Erlebens, sondern – wie es der Untertitel „Der Eremit in Griechenland“ andeutet – aus der Erinnerung. Hyperion blickt in den Briefen, die er an den Freund Bellarmin schreibt, auf sein Leben zurück. Im ersten Teil beklagt er die Unmöglichkeit, den Traum seines Daseins zu verwirklichen, „Eines zu seyn mit Allem“. Die – göttliche – Geborgenheit im Leben und im All, die Hyperion nur in ekstatischen Augenblicken der Versenkung in die Natur erreicht, schenkt ihm im zweiten Teil die Begegnung mit Diotima, in der ihm die Schönheit als „das Eine in sich selber unterschiedene“ begegnet. Er sieht diese Macht von Schönheit, Liebe, Glück im alten Griechenland wirken – und will es für das Hellas seiner Zeit herbeizwingen. Deshalb nimmt er mit dem Freund Alabanda, einem politischen Revolutionär, am Befreiungskampf der Griechen gegen die Türken teil. Aber der Versuch scheitert: Alabanda geht in den Tod, Diotima stirbt verlassen, Hyperion überlebt die Verwundung in der Schlacht und findet langsam aus seiner Niedergeschlagenheit, als es ihm gelingt, die widerstrebenden Kräfte seines Wesens in Einklang miteinander zu bringen: die „exzentrische“, die Alabanda verkörperte, die „zurechtweisende“, die in der Naturfrömmigkeit Diotimas wirksam war.

Und so endet Hyperion, nach der großen Schelte der „barbarischen Deutschen“, ihrer „gottverlassnen Unnatur“ und „todten Ordnung“ mit seinem letzten Brief von Frieden und Harmonie: „Wie der Zwist der Liebenden, sind de Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten in Streit und alles Getrennte findet sich wieder. Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes Leben ist Alles.“

Was Hegel, Hölderlins Studienfreund aus Tübingen, um dieselbe Zeit als „dialektische Methode“ entwickelte, die Selbstbewegung der Begriffe in ihrer Entzweiung in Gegensätze (These, Antithese) und der folgenden Versöhnung in einer höheren Einheit (Synthese), ist in den berühmten, viel zitierten, zu Tod interpretierten Schluß-Sätzen des Romans im dichterischen Bild beschworen.

Für das hoffnungsfrohe Ende sind die beiden allerletzten, je drei Silben kurzen, dem Brief-Charakter des Romans entsprechenden, „nüchternen“ Sätze ebenso wichtig: „So dacht’ ich. nächstens mehr.“ Auch sie erlauben die Deutung des Romans als „erste umfassende Begründung des Hauptthemas von Hölderlins Werk: die Berufung zum prophetischen Dichtertum“ (Lawrence Ryan in „Kindlers Literatur Lexikon“).

Wie ein Teil des Werkes aus Briefen liest sich die handschriftliche Widmung, die schönste in der Geschichte deutscher Literatur, die Hölderlin auf das Vorsatzblatt des zweiten Bandes schreibt, den er der „Diotima“ genannten, geliebten Susette Gontard 1799 heimlich überreicht: „Wem sonst als Dir.“ Ein Brief aus denselben Novembertagen des Jahres 1799 beginnt mit den Worten: „Hier unsern Hyperion, Liebe!“ Die autobiographischen Züge sind nicht zu übersehen. Wie sein Hyperion auf die Befreiung der Griechen von der türkischen Fremdherrschaft, so hofft der als Hauslehrer auf Adelsgütern, in Kaufmanns-Palästen gedemütigte Hölderlin in den neunziger Jahren auf ein Übergreifen der Französischen Revolution in die enge Welt deutscher Kleinstaaterei. Wie ein Echo auf Hyperions Klage: „Aber was half mir das? Es Wollte ja mich niemand“, klingen die Worte des vergebens auf Briefe von Schiller und Goethe wartenden Hölderlin in einem Brief vom September 1799 an Diotima: „Schämen sich denn die Menschen meiner so ganz?“ oder aus einem Briefentwurf vom selben Sommer: „Und leise ruf ich mir das Schreckensvort zu: lebendig Toter!“

Wie das Werk eines lebendig Toten nahmen Hölderlins Zeitgenossen das Werk auf – so die Befürchtung im ersten Satz seiner Vorrede wahrmachend: „Ich verspräche gerne diesem Buche de Liebe der Deutschen.“ Nur wenige erkannten den eigenen, den neuen Ton in diesem Brief-Roman, etwa der Historiker und Publizist Joseph Görres, der 1804 schrieb: „Auch ein Werk, das die Zeit über ihren Bagatellen undankbar zu vergessen scheint... Viel verhaltene Bitterkeit grollt durch das ganze Gedicht“, oder Clemens Brentano, der Rahel Varnhagen 1814 den „Hyperion“ mit den Worten empfiehlt: „Eines der trefflichsten Bücher der Nation, ja der Welt.“

Rolf Michaelis

Friedrich Hölderlin: „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“; Nachdruck der Originalausgabe 1797/99; Verlag Stroemfeld, Basel/Verlag Roter Stern, Frankfurt, 1979; 288 S., fester Pappband im Schuber, 19,80 DM.

Friedrich Hölderlin: „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“; it 365, Insel Verlag, Frankfurt, 1980; 288 S., 8,– DM.