Kritik in Kürze

von Ute Stempel

„Kokain“, Roman von Pitigrilli. Daß in Krisenzeiten die Halbwelt ihren Gegenweltcharakter verliert und zum Repräsentanten von Welt überhaupt wird, gehört im allgemeinen zu den wenig applaudierten Einsichten, die zumeist enttäuschten Moralisten vorbehalten bleiben. Und ein solcher ist der 1893 in Turin geborene Dino Segre durchaus gewesen, der sich nach Gastrollen in den Rüpelspielen der Futuristen aufs „Edelganoventum des Journalismus“ verlegte, bevor er während der zwanziger und dreißiger Jahre unter dem Namen Pitigrilli mit unerwartbar großem Erfolg in seinen Romanen ebenso laszive wie verzweifelte Grenzsituationen als das eigentlich Normale entlarvte. 1939 mußte er nach Argentinien emigrieren. Paradoxerweise auf der Flucht gerade vor den Schwarzhemden, die in d’Annunzio einem Idol huldigten, das sich als Inkarnation arischen Poeten-Nippes zu schnupfen erlauben durfte, was der Jude Segre nur zu beschreiben gewagt hatte: Kokain. Tito Arnaudi, die Hauptgestalt des Romans, versteht sich als Snob und geht deshalb vom provinziellen Italien nach Paris. Versucht sich dort, im Ballungszentrum nicht mehr nur modischer Dekadenz, als Aufsteiger und erlebt schließlich, mehr und mehr dem Kokain verfallend, daß es aus der mondänen Gesellschaft moralischer Bankrotteure keinen Aus-, sondern nur noch den Abstieg gibt. Den Weg aller Picaros eines sterbenden Jahrhunderts also, deren Weltgier nur noch von der Droge scheinbar gesättigt werden kann, dem zerstörerischen Ersatz von Utopie und Vision. Sieht man von dem gelegentlich recht lauen Aphorismengeplätscher ab („In jeder Frau steckt eine Hure wie in jedem Manne ein Soldat“; „Vollkommen ist nur die Mittelmäßigkeit dann ist dieser Roman keine Fratzenzeichnerei mit zynisch erhobenem Zeigefinger und schon gar nicht der Schmutz und Schund, als der er lange Zeit verteufelt wurde, sondern die psychische Topographie einer Zeit, die der unseren sehr ähnlich ist. Mit dem Unterschied allerdings, daß unsre heutige, offen programmierte Amoralität trübe konform erscheint – verglichen mit der individualistisch anarchischen Sinnlichkeit, der melancholischen Erotomanie, die noch im Untergang bei Pitigrilli der Lust so etwas wie Dauer verleiht. (Verlag Matthes & Seitz, München, 1979; 327 S., 26,– DM.) Ute Stempel

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.6.1980 Nr. 27
  • Schlagworte Aufsteiger | Droge | Idol | Journalismus | Kokain | Roman
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