Ausgerechnet in der liberalen Hansestadt Hamburg haben sich Behörden dem Verdacht ausgesetzt, in der sexuellen Intimsphäre der Bürger herumzuschnüffeln. Besonders erregt die Gemüter dabei eine polizeiliche Observierungspraxis, die wohl ihresgleichen sucht und von der einheimischen Presse in seltener Einmütigkeit als „skandalös“ ( Hamburger Abendblatt) und „bundesweit bislang beispiellos“ (Der Spiegel) verurteilt wurde. Jahrelang, so wurde nun bekannt, haben Polizeibeamte, versteckt in einem kleinen Beobachtungsraum hinter falschen Spiegeln, Hamburger Toilettenbesucher beim Wasserlassen beobachtet. Die Guckkabinen, in insgesamt zehn innerstädtischen Bedürfnisanstalten hinter sogenannten „Einwegspiegeln“ installiert, wurden von den Beamten sporadisch frequentiert, manchmal aber auch, wie ein Polizeisprecher das System erklärte, regelmäßig einmal die Woche aufgesucht – beamteter Voyeurismus oder ein Stück aus dem kriminologischen Tollhaus?

Angelegt wurden die ersten der Spionierspiegel im Jahre 1964 unter dem damaligen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt; der letzte Spiegel, in der Toilette am Rathausmarkt, wurde noch nach der Reform des Homosexuellenparagraphen 175 im Jahre 1973 installiert. Als Begründung für ihre Observationen führen die zuständigen Behörden ins Feld, nur so die „ekelerregenden Belästigungen“ (Polizeisprecher Peter Kelling) stoppen zu können, denen sich „unbedachte normale Benutzer“ der Toiletten seitens aufdringlicher Homosexueller ausgesetzt gefühlt hätten.

In den Jahren 1973 bis 1975 konnte die Polizei durch ihre Präsenz aus dem Verborgenen 1200 Leute dingfest machen, die in den Bedürfnisanstalten Nebendinge trieben – bis hin zu „allen möglichen Praktiken“ (Kelling). Das „ganze System der Anmache und der Übergriffe“, so der Polizeisprecher, wurde mit jährlich bis zu vierhundert Hausverboten bekämpft.

Überdies wurden die Hausverbote in die polizeiliche Computerdatei „Polas“ eingegeben, wodurch die Betroffenen bei jeder Personenkontrolle ohne große Umstände als Homosexuelle identifiziert werden konnten – für empörte Gruppen von Homosexuellen Anlaß genug, die Existenz sogenannter „Rosa Listen“ zu befürchten, in denen, wie weiland beim „Amt V des Reichssicherheitshauptamtes“, Homosexuelle systematisch registriert werden.

Die merkwürdigen Praktiken der hansestädtischen Behörden kamen ans Tageslicht, nachdem der Hamburger Bundestags-Spitzenkandidat der „Grünen“, der 27jährige Schauspieler Cornelius Littmann, mit einem mittelschweren Hammer einen der von einer Seite durchlässigen Spiegel, den in der Toilette am Spielbudenplatz nahe der Reeperbahn auf St. Pauli, zertrümmert hatte. Hinter dem zersplitterten Glas tauchte das erschrockene Gesicht eines stillen Beobachters auf – das, wie die Polizei hinterher freilich erklärte, jedoch nicht einem zum Zugucken abkommendierten Beamten gehörte, sondern einer interessierten Toilettenfrau.

Während Hamburgs Innensenator und SPD-Landesvorsitzender Werner Staak die Spiegel, soweit nicht schon von homosexuellen Aktivisten zerdeppert, demontieren lassen will, begehrt der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Uwe Riez nun in einer kleinen Anfrage an den Senat Einzelheiten zur amtlich-hanseatischen Observierung und Registrierung von Homosexuellen. Denn nicht nur in öffentlichen Anstalten sind Hamburgs Polizisten auf der Suche nach einschlägigen Daten: Bei einer Homosexuellen-Demonstration anläßlich einer Aktionswoche etwa machten Beamte kürzlich aus einem zivilen VW-Bus so eifrig und demonstrativ Photoaufnahmen, daß die Abgelichteten, den Wagen blockierend, die Herausgabe der Filme verlangten. Bei einem anschließenden Polizeieinsatz setzten Beamte sogar die „Chemische Keule“ ein und sprühten damit gezielt auf Demonstrierende.

Den Zorn vieler engagierter Homosexueller bekommen allmählich Politiker aller etablierten Parteien zu spüren. Als am letzten Wochenende in der Bonner Beethoven-Halle unter dem Motto „Schwule und Lesben befragen Parteien“ die Politiker „auf den Prüfstand“ gehoben werden sollten, mußte das Unternehmen gleich nach Beginn wieder abgebrochen werden, weil sich Leute aus dem Saal der Podiumsmikrophone bemächtigten und die dahintersitzenden Parteienvertreter von CDU (der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Friedrich Rahardt), SPD (Bremens Gesundheitssenator Herbert Brückner) und FDP (Generalsekretär Günter Verheugen) daraufhin ihre Akten zusammenpackten und die Veranstaltung verließen.