Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1788 erschienen im „Schweizerischen Museum“, einer Zeitschrift des verdienten Verlegers Johann Heinrich Füßli zu Zürich, einige Kapitel einer merkwürdigen Lebensgeschichte – und sie erregten Aufsehen; Man „mochte die (...) einander ziemlich schnell „mochte Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfolge lüsterner gemacht“. So Füßli in der Vorrede zu dem Ganzen, das dann als Buch den bescheiden-gravitätischen Titel trug: „Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg“ (1789).

Der einfältige Lebensbericht eines ungebildeten Mannes von plebejischer Herkunft. Was macht ihn zu einem Klassiker der Weltliteratur?

Ulrich Bräker, der Näbis Ueli, ist geboren am 22. Dezember 1735 im Weiler Näbis im Toggenburgischen. Als armer, ja ärmster Leute Kind und eines von elf Geschwistern. Um es – und besser – mit seinen eigenen Worten zu sagen, wie er sie aufschrieb für den verehrten und bewunderten Johann Caspar Lavater, den Pfarrer und Physiognomiker: „Ich bin der älteste Sohn eines blutarmen Vaters von elf Kindern, der in einem wilden Schneeberg unsres Lands erzogen ward und bis in sein sechzehntes Jahr fast ohne allen Unterricht blieb, da ich zum Hl. Nachtmahl unterwiesen wurde, auch von selbst ein wenig schreiben lernte, weil ich große Lust dazu hatte. Mein sei. Vater mußte unter seiner Schuldenlast erliegen, Haus und Heimat verlassen und mit seiner zahlreichen Familie unterzukommen suchen, wo er konnte und mochte und Arbeit und ein kümmerliches Brot für uns zu finden war. Die Hälfte von uns war damals noch unerzogen. Bis in mein neunzehntes Jahr blieb mir die Welt ganz unbekannt, als ein schlauer Betrüger mich auf Schaffhausen führte, um, wie er sagte, mir einen Herrendienst zu verschaffen. Mein Vater war’s zufrieden – und ich wurde ohne mein Wissen an einen preußischen Werber verkauft, der mich freilich so lange als seinen Bedienten hielt, bis ich nach Berlin kam, wo man mich unter die Soldaten steckte – und noch itzt nicht begreifen wollte, wie man mich so habe betrieben können. Es ging eben ins Feld. O wie mußt’ ich da meine vorigen in Leichtsinn vollbrachten guten Tage so teuer büßen! Doch ich flehte zu Gott, und er half mir ins Vaterland. In der ersten Schlacht bei Lobositz nämlich kam ich wieder auf freien Fuß und kehrte sofort nach Hause. In dem Städtgen Rheineck küßt’ ich zum erstenmal wieder die Schweizererde und schätzte mich für den glücklichsten Mann ...“

Er hatte wenig Grund, sich weiterhin glücklich zu schätzen, er war es nicht, weder im Beruf noch im privaten Leben. Das Mädchen, das er liebte, heiratete er nicht; die Frau, die er heiratete, liebte er nicht, und Salome Bräker geb. Ambühl hat ihn Zeit seines Lebens traktiert mit Scheltwort und Strenge: „An Allerseelentag (1761) wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer Seelmatter hielt uns eine schöne Sermon und knüpfte uns zusammen. So nahm meine Freiheit ein Ende und das Zanken gleich den ersten Tag seinen Anfang – und währt noch bis auf den heutigen.“

Er schlug sich durch – aber was heißt das? Tat es nicht schlecht und recht, sondern erbärmlich, versuchte es als Tagelöhner, Kleinbauer, Salpetersieder und Garnhausierer, und kaum hat er es erlebt, daß Sorge, Not und Entbehrung ihn über längeren Zeitraum mieden, und immer wieder schlug unverschuldetes Unglück auf ihn ein, immer wieder jagten ihn Schulden und Gläubiger, ließen ihn Schuldner im Stich. Als er starb im Jahre 1798, da war es auch der Druck ökonomischer Not, was diesem Leben schon in seinem dreiundsechzigsten Jahre ein Ende machte.

Ein Leben, das freilich in seinen letzten zwei Jahrzehnten sich auf wunderliche Weise verändert, erweitert und überhöht hatte: durch den Einbruch des literarischen Momentes in seine bäuerlich-archaisch-primitiven Formationen.

Ulrich Bräker hatte früh schon das Bedürfnis verspürt, sich schriftlich auszudrücken, hatte Tagebücher geführt (die ältesten erhaltenen stammen aus den Jahren 1768/69), hatte dann 1780 in Shakespeare das Leseerlebnis, das literarische Erlebnis seines Lebens schlechthin – und ging dann bewegt und bewogen auch von seinem Shakespeare, in den Jahren 1781 bis 1785 daran, die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die Blätter fielen in die Hand des Ortsgeistlichen Martin Imhof, Pfarrherr zu Wattweil im Tockenburg, der vertraute sie dem Verleger Füßli an: Da wurde der geringe Mann dann um seines Schreibens willen geachtet, wurde Mitglied einer literarischen Gesellschaft und hatte Bürgersleute zu Freunden und Förderern – was freilich seine soziale Lage nur unwesentlich und vorübergehend besserte. Er blieb der arme Mann – einer, der indes wohl, hätte er so reden mögen und können, Goethes Tasso zugestimmt hätte bei dessen Rühmung von Ausdrucksnot und Ausdrucksglück: Es gab ihm ein Gott zu sagen, was – und wie – er litt. Was macht das Faszinierende dieses Buches? Um es paradox zu sagen: Sein großer Reiz besteht in seiner Unzulänglichkeit oder doch Unvollkommenheit. In der Diskrepanz nämlich von schilderndem Gemüt und geschilderter Materie. Um es konkreter zu sagen