Kanzlerbesuch in der DDR

Von Marlies Menge

Ost-Berlin

Liebe Gesine, leider muß ich meinen Besuch Ende August bei Ihnen absagen. Sie haben es sicher selbst in den Nachrichten gehört: Unsere beiden Chefs treffen sich nun doch nicht in Dierhagen, sondern am Werbellinsee.

Sie waren neulich so stolz, daß Ihr Dierhagen dauernd im westdeutschen Fernsehen zu bewundern war, daß die beiden sich ausgerechnet in dem Ort treffen würden, in dem Sie Ihre Datscha haben. Aber grämen Sie sich nicht, sie hätten Schmidt doch nicht gesehen. Man hätte ihn bestimmt nicht durch die jahrhundertealten Fischerhäuser in Dierhagen zum kleinen Boddenhafen spazieren lassen, er hätte keine Postkarten am Kiosk gekauft und nicht Schlange gestanden nach Softeis in Dierhagen-Strand; wäre auch bestimmt nicht, wie Sie ihm das so gewünscht haben, nach Wustrow in die Kirche gekommen, in der immer die festlichen Orgelkonzerte stattfinden. Vermutlich wäre er per Hubschrauber in den Regierungstrakt gebracht worden und per Hubschrauber wieder zurück. Das war’s gewesen.

Nun wird es ähnlich am Werbellinsee laufen. Warum – darüber können wir beiden nur spekulieren. Vielleicht hat der große Bruder auf der Krim den schönen Plan mit Dierhagen durchkreuzt. Vielleicht wurde der Werbellinsee ausgesucht, weil er in der Nähe von Wandlitz ist, wo Ihre Regierenden zu Hause sind. Vielleicht aber auch, weil er fast vor den Toren von Berlin liegt, unser Schmidt also dazu gebracht werden kann, von Ost-Berlin aus anzureisen, um damit die Hauptstadt aufzuwerten. Vielleicht ist aber auch das Los auf den Werbellinsee gefallen, weil er an der Schorfheide liegt, wo Honecker 1973 Herbert Wehner und Wolfgang Mischnick zum Gespräch empfangen hat. Die Schorfheide ist Honecker vertraut. Er jagt dort oft, sagt man. Zum Jagen auf Hasen, Reh oder Wildschwein werden die beiden Herren am 28. und 29. August aber wohl kaum Zeit haben.

Ich muß Ihnen gestehen, der Werbellinsee gefällt mir gut. Ich war mal da, nach einem der Sommerkonzerte im Kloster Chorin. Es war sehr heiß, und ich habe im Werbellinsee gebadet. Ich erinnere mich, daß er angenehm kühl war und von türkisblauer Farbe. Auf der einen Seite ist allerdings die „Pionierrepublik“. Im Sommer machen dort über tausend Kinder Ferien. Sie kommen aus solchen Ländern, für die Sie ihren Solidaritätsbeitrag zahlen, also Vietnam und Afrika und so. Aber auch aus Frankreich und der Bundesrepublik, Das habe ich in einer DDR-Zeitung gelesen. Vielleicht will man das unserem Kanzler vorführen. Abgesehen von den vielen Kindern ist der See schön ruhig, wenig besucht von Touristen.