Berlin (West) ist ja, wie wir aus der Springer-Presse tagtäglich erfahren), eine „Weltstadt“. Mit. dieser Existenzlüge, die über das hinwegtäuschen soll, was längst nicht mehr ist, leben die meisten Berliner auf beinahe tragikomische Weise in schönster Selbstgefälligkeit. Von Presse und Parteien lassen sie sich in einen Metropolenwahr hineinschaukeln: Alle Welt „schaut auf diese Stadt“, und jedermann möchte „ein Berliner“ sein.

Gerade weil das kollektive Bewußtsein in Berlin von Unaufrichtigkeit und Selbstverblendung durchsetzt ist, sollten wenigstens die unabhängigen Stadt-Magazine korrigierend eingreifen, wie es beispielsweise New Yorks entsprechende Blätter gegenüber der unsäglichen Boulevardpresse Manhattans tun. Doch die beiden Stadtillustrierten tip (Auflage um die 95 000, 2,50 Mark) und Zitty (etwa 40 000 gedruckte Exemplare, 2 Mark) haben anderes im Sinn (die Broschüren Berlin-Programm und Wohin in Berlin bestehen fast nur aus Anzeigen und sind journalistisch indiskutabel).

tip gibt sich als Kulturblatt der Anti-Etablierten, Zitty geriert sich als Forum der kämpferischen Alternativen. Eine Informations- und Diskassionsplattform für Berliner aller Alters- und Bevölkerungsschichten möchten beide wohl bewußt nicht sein, tip und Zitty (vormals Hobo) wurden von Szene-Protestlern und linken Studenten gegründet. Das erklärt ihre eingeengte Ansprache und ihr publizistisches Credo, das sie auch bei üppig gestiegener Auflage und fettem Anzeigenaufkommen nicht preisgeben wollen.

Senatspolitik wird deshalb kaum diskutiert (es sei denn, sie spielt in „grüne“ Belange hinein), konventionelle Unterhaltungskunst oder Sport finden wenig Beachtung, Mode, (Innen-)Architektur sowie „human interest“-Stories oder gar Restaurantrezensionen oder Einkaufsratschläge sind als „Konsumscheiß“ oder „bürgerliche Ästhetisiererei“ verpönt.

Zitty kann sich da noch unbefangener geben, weil dessen alternative Kundschaft in ihrem radikal-politischen Selbstverständnis ganz sicher zu ruhen scheint und sich von kleinen bourgeoisen Extravaganzen nicht verunsichern läßt.

Die Leser von tip hingegen (die Anzeigen sind da ein Indikator) gehören wohl überwiegend zu jener Generation der Mittdreißiger, die heute längst „rechts“ lebt, aber gern noch als „linksdenkend“ eingestuft werden möchte. Dieser Zwiespalt, vom Herausgeber durchaus zugegeben, läßt tip in seiner Ansprache bisweilen gequält progressiv erscheinen.

Beiden Blättern gemeinsam ist der relativ niedere journalistische Standard der Artikel, wenngleich tip im letzten Jahr in Sachen Schreibqualität einen beachtlichen Aufschwung genommen hat. Doch nach wie vor sind tip- oder Zitty-Artikel publizistisch so unaufregend, daß sie bundesweit als kaum zitabel gelten mögen. Das mag den einheimischen Leser nicht stören; tip, so geht der Branchenschnack, wird ohnehin überwiegend wegen der mehrseitigen Kontaktrubrik „Lonely Hearts“ gekauft.

Immerhin wird der alternative Berliner, selbstgefällig oder nicht, bei der Lektüre beider Zeitschriften bestens unterrichtet, was die Stadt Tag für Tag an Entertainment und Information bietet: Die Programmteile von Zitty und (vor allem) tip sind an Ausführlichkeit kaum noch zu übertreffen. Barry Graves