Angst haben 211 vietnamesische Flüchtlinge, die im Wohnheim Halskestraße im Hamburger Industrieviertel Billbrook untergebracht sind. Sie fürchten um ihr Leben, seit Donnerstagnacht vergangener Woche ein Brandanschlag mit drei Molotow-Cocktails auf ihr Haus verübt wurde. Ein junger Mann starb an seinen fürchterlichen Wunden, ein anderer schwebt noch in Lebensgefahr. An der Hausfassade hinterließen die Täter in blaßroter, eilig hingesprühter Schrift ihre Forderung: „Ausländer raus“.

Die Vietnamesen sind ratlos: Man hat sie doch hierhergeholt, aus dem Meer gefischt, aus der tödlichen Enge der malaysischen Flüchtlingslager befreit. Die politischen Verhältnisse hierzulande, der wachsende Fremdenhaß angesichts einer großen Zahl von Asylanten sind ihnen unbekannt.

Nguyen Ngoc Chau, der Tote, war erst vor ein paar Monaten nach Hamburg gekommen. Er war 22 Jahre alt. Die Helfer auf der „Cap Anamur“, einem deutschen Rettungsschiff, hatten ihn aus dem Südchinesischen Meer aufgelesen. Der 18jährige Do Anh Lan war einer der. 276 Vietnam-Flüchtlinge, die wir vor einem Jahr dank der zahlreichen Spenden der ZEIT-Leser von der grausigen malaysischen Flüchtlingsinsel Pulau Bidong nach Hamburg holen konnten. Er war einer der sogenannten „Härtefälle“, einer der keine Chance hatte, von einem anderen Land aufgenommen zu werden. Denn er war krank.

Der damals 17jährige Chinese aus der Saigor er Zwillingsstadt Cholon hätte uns immer wieder am Ärmel gezupft: „Nehmen Sie mich, nehmen Sie mich mit.“ Stereotyp murmelte er stets den gleichen englischen Satz, tonlos, wie geistesabwesend. Und er sagte: „Ich bin krank, ich kann mich an nichts erinnern.“ Wir nahmen ihn mit.

Gleich hier in Hamburg begann die Veränderung. Während sich die meisten anderen nach dem Vierzehnstundenflug von Malaysia erschöpft niederließen, war Do Ann Lans erste Frage: „Wo ist ein Postamt?“ – Wozu? „Ich muß meiner Schwester ein Telegramm schicken, nach Stuttgart. Es ist mir wieder eingefallen.“

Seitdem ist es aufwärts gegangen mit Do Anh Lan. Vietnam hatte er verlassen, weil er leben wollte. Er hatte eine lebensgefährliche Flucht gewagt, hatte Dinge erlebt, die ihn zeitweise sein Gedächtnis verlieren ließen, hatte sich endlich bei uns in Sicherheit geglaubt. Eine Illusion, wie sich gezeigt hat. G. V.