Ein Autor ist zu entdecken: Ernst-Jürgen Dreyer Reise ins Bodenlose

„Die Spaltung" und „Iiebeserschleichung 44 / Von Hans Krieger

Seit langem ist Ernst Jürgen Dreyers gewaltiger Roman ein Gerücht. Dann kam Klagenfurt 1979: Dreyer las, gewann Anerkennung, Beachtung, aber keinen Preis; ein zweiter, kürzerer, weit weniger gewichtiger erzählerischer Text würde von Rogners Edition angenommen. Die „Spaltung" wurde wieder zum Gerücht in Lektoratsstüben und Sendeanstalten. Denn Dreyer, demütigender Ausflüchte der großen Verlagshäuser müde, hatte das Manuskript einem Siegburger Drucker und debütierenden MiniVerleger überlassen, der den schwierig zu setzenden, weil kompliziert mehrschichtigen Text im billigen photomechanischen Verfahren als Quasi Typoskript edierte. Die Gesetze des Marktes, nicht nur des Käufer, auch des Kritikermarktes — aber sind grausam: Ein so anspruchslos hergestelltes, auch noch umfängliches Buch aus einem Verlag, den niemand kennt — ein solches Buch rühren die Großkritiker gar nicht erst an —Ernst Jürgen Dreyer: „Die Spaltung", Roman; Hövelbprn Druck und Verlag GmbH, Siegburg, 1979; 483 S, 38 — DM.

Ich kenne Dreyers Roman seit acht oder neun Jahren — so lange schon, von Nachschliff und Kürzungen abgesehen, ist er im wesentlichen fertig. Ich kenne die Gänge zu Lektoren, die verlegen anerkennenden Ablehnungsbescheide, die immer wieder die Unkalkulierbarkeit des literarisch Anspruchsvollen vorschützen. Ich bin in der Materie also befangen; ich wollte auch in der ZEIT darüber nicht schreiben und schreibe jetzt doch, weil es sonst keiner tut. Heinrich Vormweg hat im Deutschlandfunk vor einigen Wochen das Schweigen durchbrochen; das machte mir Mut: Ich stehe also nicht allein mit meinem Urteil, daß Dreyers „Spaltung zu den großen literarischen Leistungen dieser Jahre gehört. Worum geht es? Geht es um den Studenten Landmann, der aus dem anderen Teil Deutschlands vergeblich zu seiner Braut in den Westen zu gelangen sucht, und den wir am Schluß des Romans immer tiefer in den Wahn versinken sehen? Geht es um das Sterben einer Liebe? Oder doch am Ende um die Spaltung Deutschlands, die als politische Realität in Landmanns Schicksal stets bedrängend gegenwärtig ist, nicht nur in jenen Szenen, in denen — wir befinden uns ja in Leipzig, und wer sich dort auskennt, wird an der Mundartfärbung eine ganze Topographie ablesen — die Funktionäre sächseln?

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Schon auf den ersten Seiten wird klar, daß Landmanns Schwierigkeiten nicht nur äußerlicher Art sind und die Spaltung nicht nur das Land zerschneidet, dessen einen Teil er, dessen anderen seine Braut bewohnt; sie geht mitten durch Hirn und Bewußtsein, durch die Wahrnehmungsstruktureh. Ländmann ist ein Hochsensibler, der sich den Kopf wundscheuert an der Welt, dem die Realität voller Abgr üitd e ist„dem die Bilder und Assoziationen wuchern im:S?häd%l;utn Versuch : an der entgleitenden :Wärklichibeit aacb, ; Halfezu ,, fassen, reibt er sich auf, vesliikt in den assoziativen Verfilzungen wie in einem Morast. Darin liegt die Faszination des Buches: daß es dje Wirklichkeitserfahrung zum Problem macht, hindurchstößt durch den Vordergrund der Übereinkünfte ins Bodenlose vorbewußter, noch ungesicherter Perzeption; daß es die Muster bloßlegt, in denen Erfahrenes zur Ordnung unserer Alltagswelt gerinnt. So wird es zur abenteuerlichen Reise durch die Fährnisse und Wirrungen der Weltwerdung in Sprache und Denken. Viele Stile u nd literarische Methoden haben in dieser Erkundung Platz — bis hin zu spielerischen Assoziationsketten und zu Strukturen, die man als Konkrete Poesie ansprechen könnte. Eine Passage sei zitiert: Behördengang, Landmann braucht Papiere:

„Sonderbar riecht es nach Keller: dicht, feucht, wie ausgeatmet, wie Luft die winters Scheiben beschlägt sich in Rinnsale verwandelt oder gar dichter noch ist die Luft, Geräusch erzeugend als verschöbe sich immerfort etwas raschelnd, knisternd und wie scharrender Huf, umgewälztes Heu: ja gleich wird in ihr steckenbleiben, wer sie unvorsichtig vor sich zusammenpreßt, und er ist ja noch kaum aus dem Steinernen auf die Dielen gelangt und von seiner Tür (Zimmer zwei) also meilenweit noch entfernt: Unsinn, den Kopf zu schützen vorm Anprall an irgendetwas was hier gestern nicht stand und über Nacht nicht gewachsen sein kann — trotzdem bleibt der Eilende stehen. Immer noch siecht sein linkes Auge nur Schwärze — aber dem rechten dämmert der helle Streif eines Kragens auf: über diesem aber — da ist (wie das Hirn kombiniert) ist ein Hals, den zu zentimeternah warm beatmest, und wenn da Kragen und Hals sind sieht unmittelbar vor dir im Weg ein Mensch den du um ein Haar umgerannt hättest — und wie er ihn, grad noch rechtzeitig ihn bemerkend, umgehen will, denn durch das Treppenhaus hinter ihm schallen Schritte, denen zuvorzukommen es gilt, dämmert den noch von der Sonne im rötlichen Sand blinden Augen, daß die Luft, die er noch zu durchmessen hat bis zum Zimmer zwei, leise, flüsternd, in unnachvollziehbarem Rhythmus, als Atem einzieht, als Atem weicht, in Atmendes einzieht, aus Atmendem weicht, mein Gott, das sind ja, sind ja mein Gott, der ganze Flur steht voll schweigender, kaum sich bewegender Menschen "

Ein paar Seiten weiter:

„JVee bitte nur einer. So. Gehn Sie wieder raus. Warten Sie draußen.

1 Die Stimme beendet das Gähnen sofort, hängt über uns noch wie eine Bö im Feld: wellenhaft treibt es der Treppe zu; Tappen gewinnt Tageslicht hinter der Tür: fern im Sprung aufkreischend fährt eine Straßenbahn um die große Kurve; Glocken läuten; Kindergeschrei wie aus einem Bad brandet auf; dann sperrt uns das Türenknarreri dichter mit den neu aufgelebten Hoffnungen zusammen:

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