Ein Ehepaar kommt auf der Third Avenue an einem Geschäft vorbei, das sich auf „Brautkleider für Lesbierinnen“ spezialisiert hat. „Da siehste mal wieder“, sagt die Frau zu ihrem Mann, „Sachen gibt’s, die gibt’s entweder in New York oder nirgendwo“.

Diese Cartoon-Unterschrift aus dem New Yorker summiert Verlockung und Bedrängnis des Urbanen Lebens auf der Insel Manhattan: Jeder muß/darf verrückt sein um jeden Preis, alle können/müssen. ausgefallene Anliegen vortrat gen – Mittelmaß und Bescheidenheit sind im Überlebenskampf der Megalopolis wohl eher Suizidwaffen. Vier Stadtmagazine kanalisieren die schier unermeßliche, Fülle an, Informationen, die Schwemme vielschichtiger Alltagsprobleme, das Angebot an Dienstleistungen und Entertainment sowie die Nachfrage nach kompetenten und literarisch originellen Ratgebern für alle möglichen und unmöglichen Lebenslagen.

New York Magazine, 1968 gegründet, in etwas mehr als einer halben Million Auflage jeden Montag für 1.25 Dollar an den Zeitungsständen, ist das Flaggschiff aller Stadtillustrierten: informativ, witzig, clever recherchierend, mutig im Urteil und zu jedem Klatsch bereit, der seine Durchschnittsleser – das lebenslustige Ehepaar Mitte dreißig aus der gehobenen Mittelschicht – interessieren mag. Neben brillanten (stadt-)politischen Analysen und präzisen Porträts verdienter oder zweifelhafter Politiker findet sich Lebenshilfe („die zwölf besten öffentlichen Schulen, auf die man seine Kinder noch schicken kann“) oder Konsumberatung („die besten Zwei-Personen-Dinner für unter 50 Dollar“) im Hitparadenformat.

Seit der australische Zeitungszar Rupert Murdoch die Klatsch- und Kriminal-Gazette New York Post aufkaufte und nach dem schlimmen Vorbild seiner britischen Boulevardblätter ummodelte, hat er auch noch New York und die Village Voice geschluckt. Nur bei der Voice, einer Art ZEIT für salonlinke Disko-Fans, ist Murdochs Einfluß kaum spürbar geworden. Die ständigen redaktionellen Querelen, die dem Pressemogul folgten, veränderten den liberalen Bekennerjournalismus des 1955 gegründeten 75-Cent-Wochenblattes kaum. Nach wie vor attackiert die Voice, als Sprachrohr vornehmlich der gutsituierten Greenwich Village-Intellektuellen, Abstriche an der Lebensqualität der Stadt durch Business-Spekulanten und opportunistische Stadtparlamentarier, polemisiert gegen politischen Kleinmut in Bürgerrechtsfragen und fördert einen alternativen Daseinsstil auf ästhetisch befriedigender Ebene.

Ganz auf Stil und Society-Allüren gehen-die 1973 in Konkurrenz zur Voice etablierten Soho News, die für 60 Cents pro Woche dem Ausflippleben in Manhattan Design-Vorschläge anbieten. Photographen, Maler, Modezeichner und überzüchtete Lebenskünstler finden hier ihr Informations- und Diskussionsforum, Freaks mit Bildungsdünkel und Dekadenzler mit Rudimenten von sozialer Verantwortung werden von der Postille aus dem Loft-Areal „South of Houston Street“ angesprochen.

New York Magazine konnte sich mit Murdochs Finanzen inzwischen den gutbürgerlichen Veranstaltungskalender Cue einverleiben, der seit 1935 alle zwei Wochen ohne sonderliches intellektuelles Engagement auflistete, wo man in New York wann und zu welchen Tarifen essen, tanzen, Filme und Theater sehen, Ausstellungen anschauen oder sich trendgerecht bilden kann. Die Allianz mit Cue hat bei New York Magazine den Trend zur Programm-Illustrierten verstärkt, mit immer geringer werdendem riskantem Einsatz dort, wo den Mittelstands-New Yorker der Gucci-Schuh drückt.

Fern jeder verlegerischen Banauserei und auf Distanz zur Erosion westlicher Lebensart schreiben die Redakteure und hochkarätigen Gastautoren des 1925 erstmalig erschienenen New Yorker vor sich hin. Die penetrant schöngeistige Stadtzeitschrift (Auflage: 500 000) verzichtet auf reißerisches Trend-Laycut und animierende Reports von der Schickeria-Front. Der New Yorker bietet seinesgleichen die Creme der News aus dem Kulturleben und tiefgründige Endlos-Reiseberichte aus verwandten oder geistig anregenden Fremdkulturen. Richtig berühmt geworden ist das feudale Bildungsblatt aber erst durch seine humoristischen Cartoons (von Steinberg, Addams, Koren, Stevenson), die die Attitüde des New Yorker-Lesers illustrieren: immer Nonchalance bewahren, auch dem Sittenverfall und der politischen Unvernunft mit Etikette begegnen. Für die Armen, die Radikalen, die sozialen Märtyrer oder die antikommerziell Engagierten schreibt der New Yorker genausowenig wie Soho News, Voice oder New Yorkcue: Ohne Bloomingdale’s Kreditkarte ist der New Yorker eben kein Mensch – oder umgekehrt.

Barry Graves