Auf dem Mittelstreifen der belebten Pennsylvania Avenue in Washington D.C. spaziert gelassen ein mit altmodischer Eleganz gekleideter Herr mittleren Alters. In der einen Hand trägt er einen zusammengerollten Regenschirm, in der anderen einen Koffer. Er wirkt verloren im City-Verkehr, merkwürdig deplaziert vor dem im Hintergrund aufragenden Kapitol. Der Kaspar Hauser des elektronischen Zeitalters hat seine Höhle verlassen. Die Realität wird ihm nichts anhaben.

„Ich kann nicht schreiben“, sagt er sehr viel später, als man ihn längst für einen einflußreichen Berater des amerikanischen Präsidenten hält und einen Verleger ihn zur Publikation seiner politischen Philosophie anstiften will. Er kann tatsächlich nicht schreiben (auch das Lesen hat er nie gelernt) doch der Verleger versteht etwas anderes: „Wer kann heute schon noch schreiben? Natürlich steht Ihnen unser bester Ghostwriter zur Verfügung.“

Die unaufhaltsame Karriere von Chance, dem Gärtner, beruht auf Mißverständnissen. Aus seinem Refugium hinter den Mauern eines alten Patrizierhauses vertrieben, kommt er in eine Welt, die auf einen wie ihn schon lange gewartet zu haben scheint. Sein mildes Wesen, seine abwesende Freundlichkeit, seine bedächtigen Reden über Pflanzen und Bäume weisen ihn sogleich als Gentleman der allerbesten Schule aus. So verwandelt man ihn mühelos von „Chance, the Gardener“ in „Chauncey Gardiner“, dem die Dirne, mit deren Rolls-Royce er kollidiert, ein verwandtschaftliches Verhältnis mit Basil und Perdita Gardiner zutraut, Stützen der Gesellschaft offensichtlich. Bald hat sich Chance als geschätzter Hausgast bei dem sterbenden Industrie-Tycoon Benjamin Rand niedergelassen, der den enigmatischen Fremden und seine Bemerkungen über die Jahreszeiten und das Wachstum der Pflanzen „sehr erfr.schend“ findet. Auch der Präsident hält Chance für einen Denker und zitiert seine Gartenweisheiten auf einer Pressekonferenz.

Chance, der sich protestlos Chauncey nennen läßt, weiß nicht, wie ihm geschieht. Sein leeres Lächeln verbirgt nur eins: eine vollkommene Leere. Chance, der Gärtner, ist ein Idict, ein Geschöpf ohne Gehirn und ohne Leidenschaften, bis auf eine: „I like to watdi“, erklärt er bisweilen. Und meint das Fernsehen, dessen Programme er unermüdlich von morgens bis mitternachts betrachtet. Sein liebstes Spielzeug ist eine Fernbedienung, mit der er zwischen den Kanälen hin und her schaltet.

Der polnisch-amerikanische Schriftsteller Jerzy Kosinski hat diesen Chance vor zehn Jahren erfunden; ein tdmber Hans im Glück, eine Märchenfigur am Hof des Kaisers Richard Nixon. „Chance“ ist eine Geschichte vom unfreiwilligen Triumph des Allerdümmsten über die Dummen. Der Regisseur Hai Ashby hat gemerkt, daß dies eine traurige Geschichte ist. Schadenfreude liegt ihm fern und wäre wohl auch unangebracht: Ein paar Wochen vor den Wahlen bei uns und in den USA kann man sich tagtäglich davon überzeugen, daß dies auch eine aktuelle Geschichte ist. „Wir wollen in Frieden und Freiheit leben“, fordert, mit einer Miene, die man als gebremsten Optimismus interpretieren könnte, Helmut Kohl auf vielen Plakaten. Mit solchen Sätzen bringt man es weit im wirklichen Leben. Davon nicht zuletzt handelt der Film „Willkommen, Mr. Chance“ (Originaltitel: „Being There“), an dessen Ende der Gärtner ernsthaft als Präsidentschaftskandidat im Gespräch ist (wie jetzt dieser adrette Cowboy) und ganz selbstverständlich auf dem Wasser wandelt.

Wenn Jerry Lewis sich mit dem Stoff beschäftigt hätte, wäre wohl eine überdrehte Farce dabei herausgekommen. Die Infantilität, die der im Juli gestorbene Peter Sellers in seiner vorletzten Rolle ausstellt, ist von einer anderen, schrecklicheren Art: vollkommen aggressionslos, von der unaufhörlichen Bilderflut des Fernsehens betäubt wie von einer Überdosis Valium. Der Chance von Peter Seilers gleicht einem somnambulen Kleinkind im Körper eines Fünfzigjährigen. Seine Bewegungen sind von zeitlupenhafter Schwere, seine Sprache entwindet sich dem Mund nur zögernd.

Doch in einer Welt, wo jeder auf sein Fortkommen bedacht ist, bewahrt dieses Wesen ohne Vergangenheit und ohne Ehrgeiz eine Art von melancholischer Würde. Alle Zumutungen des Lebens (erotische wie politische) prallen von ihm ab. Er besitzt die Stärke aller Zombies: Wer schon tot ist, den kann man nicht mehr verletzen.