Wenn es denn erlaubt ist, in diesem einen Falle mit einer, persönlichen Bemerkung einzusetzen:

Als die vielbelesenen Mitglieder der übrigen Jury dieses Buch gelassen dem elitären Stock unserer Hundert zuschlugen, da widersprach ich nicht, sondern bat es mir zur Rezension aus: denn ich kannte es nicht.

Heute schätze ich mich glücklich, auf diese Weise von unserer Liste profitiert zu haben. Denn die „Traurigen Tropen“ des Claude Lévi-Strauss sind, ich weiß, was ich sage, ein großes Buch der Weltweisheit, des Lebenswissens. Ein Buch freilich, um auch dies gleich zu sagen, dessen Lektüre das Moment des Trostes (oder des Tröstlichen) allenfalls in dem Sinne enthält, als jede Einsicht und Erfahrung ein unser Bewußtsein von uns selbst stabilisierender Akt sein können; als auch die Konfrontation mit dem Traurigen und der Traurigkeit hellsichtig machen kann.

Denn die „Tristes Tropiques“ sind ein trauriges Buch, und die Trauer gehört dem Gegenstand wie dem sie erkennenden Subjekt. Es handelt vom Menschen und dem Menschlichen, wie es in seiner Ursubstanz angelegt sein mag, und wie es – durch den Menschen – verloren, vernichtet wurde.

Lévi-Strauss gilt als der Begründer der „Strukturalen Anthropologie“ (dies der Titel eines großen zweibändigen Werks, deutsch 1967 und 1975, aus seiner Feder). Einer Wissenschaft, angesiedelt auf dem Grenzgebiet von Philosophie, Ethnologie und Anthropologie (und anderer Disziplinen mehr), und inspiriert von der modernen Sprachwissenschaft, wie sie ausgebt von Ferdinand de Saussure und wie sie über deren „Prager Schule“ (Roman Jakobson) auch unmittelbar auf Levi-Strauss eingewirkt hat. Der „Strukturalismus“ als Erkenntnissystem setzt, um es mit gebotener, aber heikler Vereinfachung zu sagen, an Stelle des „diachronischen“ Prinzips der historischen Betrachtung das „synchrone“ Prinzip der Untersuchung des jeweils Gleichzeitigen. Eine Methode, der es um die Entdeckung von Vergleichbarem geht, um den Aufweis also von ähnlichen Strukturen (daher der Terminus „Strukturalismus“), die überall und zu jeder Zeit das Zusammenleben der Menschen bestimmen, ihre „Interaktionen“, ihre Bräuche, Riten, Verhaltensformen. Eine Methode, die das allen Menschen Gemeinsame, also in diesem Sinne das Allgemein Menschliche“ zu begreifen versucht und die es durch die systematische Zuordnung von Ähnlichem und Ähnlichkeiten erfaßt.

Nun mag die folgenreiche Philosophie des Strukturalismus ihre Bedeutung haben – es wäre dennoch zu fragen, ob ihr ein Platz in unserem weltlichen Heiligtum der Hundert Bücher zukäme; und die Antwort, meine Antwort wäre: nein. Wohl aber gehört ein Buch zu diesem Bestand, das von strukturalistischem Denken bestimmt, indes sehr viel mehr ist als ein Kapitel Gelehrsamkeit. Denn die „Traurigen Tropen“ sind ein Tagebuch, ein Reisebericht, sind Bekenntnisniederschrift und poetische Reflexion: Wissenschaft und Kunst und sehr persönliches Zeugnis in einem. Ihr Verfasser, 1908 in Brüssel geboren, von Haus aus Philosoph und Lehrer, ging 1935 an die neugegründete Universität von São Paulo, lehrte Soziologie und unternahm von dort aus in jenen Jahren mehrere Expeditionen zu den Indianerstämmen des Mato Grosso: Unternehmungen, ebenso mühsam wie gefährlich wie öde wie faszinierend, und auf ihnen wurde der Philosoph und Soziologe zum Anthropologen. In den Jahren 1942 bis 1945 lehrte Lévi-Strauss dann in New York, ab 1950 in Paris. Seit 1973 ist er Mitglied der Académie Française.

Zwanzig Jahre nach jenen brasilianischen Abenteuern hat der Forschungsreisende ihnen ein Buch gewidmet. Es setzt ein mit dem Satz: „Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende.“ Es wurde dennoch geschrieben – allen denen zum Dank, die es lesen mögen. Der erste Teil ist überschrieben „Das Ende der Reisen“, der letzte: „Die Rückkehr“, und obwohl dieser Schlußteil nicht mehr und nicht weniger ist als eine Studie in vergleichender Religionsgeschichte, endet das Ganze mit der persönlichsten aller Notizen, mit der melancholisch-zarten Erwägung einer „Chance“ für den Menschen und seine Gattung jenseits aller geschichtlich-gesellschaftlichen Korrumpierung Chance, die darin besteht, sein eigentliches Wesen zu erfassen „zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, schöner ist als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, die weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick – schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen –, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze.“