Oder: Eine neue Wissenschaft auf einem akrobatischen Bilde

Von Albrecht Fölsing

In der Frühzeit der Naturwissenschaft teilten die paar Dutzend Gelehrte ihre Neuigkeiten einander per Brief mit, ein Brauch, der auch heute unter den Mitgliedern „unsichtbarer Forscherkollegien“ nicht völlig aus der Mode gekommen ist. Daß dabei aber eine neue wissenschaftliche Disziplin in einem einzigen Brief in die Welt gesetzt wurde, das hat sich – wenn man schon in historischen Zeiträumen denkt – erst in unseren Tagen ereignet.

Am 30. Dezember 1959 beantwortete Robert K. Merton, Soziologe an der New Yorker Columbia University, eine Anfrage seines Freundes Bernard Bailyn, Historiker an der Havard University. Bailyn hatte sich nach einem Gleichnis erkundigt, das von Isaac Newton gebraucht wurde: „Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.“

Der Brief kann erst weit im nächsten Jahr abgeschickt worden sein, denn er wuchs sich zu ungewöhnlicher Länge aus. Einige Jahre zirkulierte er in Kopien als kostbar gehütete Geheimlehre, bis er 1965 als Buch veröffentlicht wurde. Seither gilt die lange Epistel als Standardwerk der „Otsogistik“, einer ausgefeilten Wissenschaft, deren Bezeichnung von der akronymischen Zusammenziehung des englischen Titels On the Shoulders of Giants – OTSOG – herrührt.

Diese im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb bereits fest verankerte Disziplin wird nun auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht:

Robert K. Merton: „Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit“. Übersetzt und eingeleitet von Reinhard Kaiser. Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main 1980; 243 Seiten, 28,– Mark.