Von Michael Naura

Im Jazz ist es nicht so wichtig, was, sondern wie

es gespielt wird. Jazzmusiker haben sich immer irgendwelches Material angeeignet, um es so zu verformen, daß es swingt. An „When The Saints Go Marching In dem Spiritual aller Spirituals, ist nicht sehr viel kompositorisches Fleisch am Knochen: Aber was der Trompeter Bunk Johnson aus dem „Heiligen Marsch“ gemacht hat, war und ist die Erklärung dafür, was Jazz bedeutet: das Aufladen von Musik – fast alles eignet sich dazu, Kinderlieder, Hymnen, Musical-Songs – mit einer bestimmten rhythmischen Spannung.

Der amerikanische Pianist Bill Evans, der kürzlich im Alter von 51 Jahren. gestorben ist, war solch ein Transformator im Bereich des modernen Jazz. Er konnte gleichsam aus Erde Porzellan machen. Ganz filigranes Porzellan. Ich hörte ihn zum ersten Mal Ende der fünfziger Jahre. Das Stück, das er mit seinem Trio spielte, hieß „Someday My Prince Will Come“. Ein treuherziges Walzerchen von 1937, das Schneewittchen im gleichnamigen Disney-Film singt. Ich erbleichte bis in meine Pianisten-Pfoten. Mit Bill Evans war für alle jungen Jazz-Pianisten der Prinz gekommen. Bisher hatte für das Klavier-Trio folgende Hackordnung gegolten: vorn donnert der Meister auf dem Flügel, und im Hintergrund dienen Baß- und Schlagzeug-Knecht. Oscar Peterson und Erroll Garner stehen für diese Monarchie an den Tasten.

Mit Bill Evans betrat nun ein Pianist das Feld, der eine Art von Demokratie innerhalb des Trios einführte. Bassist und Schlagzeuger waren endlich auch Menschen. Damit war eine Kommunikation unter Gleichberechtigten möglich. Scott Lafaro, der erste Bassist des Bill Evans-Trios, nahm seine Chance wahr. Er spielte nicht mehr den Baß in Sklavenhaltung, mithin das, was der Pianist „angeordnet“ hatte. Er spielte selbstbewußt und eigenständig, die Komplexität des Stückes ausdeutend. Zusammen mit dem Schlagzeuger Paul Motian, der für zusätzliche Differenzierungen des Klangs sorgte, war Scott Lafaro der ideale „Gesprächspartner“ für Bill Evans. In der Tat führte das Trio untereinander Gespräche, bei denen die Partner zart, fast seismographisch aufeinander reagierten. Der großkotzige Monolog des Solisten hatte ausgespielt.

Aber abgesehen von diesem neuartigen sozialen Verhalten innerhalb einer improvisierenden Gruppe hat Bill Evans eine bisher nicht gekannte Sensibilität des Klavierspiels erreicht. Diese Verfeinerung haben viele Jazzpianisten der Gegenwart, Keith Jarrett, Richie Beirach, JöAnne Brackeen u. a., in ihre Arbeit mit aufgenommen. Sie besteht darin, daß Evans die harmonische Struktur eines Evergreens wie „My Foolish Heart“ um viele delikate Brechungen anreicherte, wobei er immer den dekorativen Stuck zu vermeiden wußte. Für immer wird mir unvergeßlich bleiben, wie Bill Evans auf der berühmten Miles Davis-Platte „Kind Of Blue“ seine Kollegen begleitet. Besonders das Stück „Blue’n Green“ weist ihn als einen Musiker aus, der sein Umfeld geradezu spiritistisch zu erfassen schien. So kann nur einer Klavier spielen, der zur Hingabe fähig ist.

Und ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß Bill Evans von Liebe beseelt war. Wie anders soll man seine berühmten Duo-Platten mit dem Gitarristen Jim Hall erklären? Beispiele für eine Intimität des Zusammenspiels, die nur noch mit dem gemeinsamen Atem eines Liebespaares vergleichbar ist. Ich habe mich immer gefragt, wie dieser fragile Mensch Bill Evans es fertigbrachte, in einem Land wie Amerika zu leben. Was muß. in ihm vorgegangen sein, damals im Juni 1961, als er im New Yorker Nachtclub Village Vanguard“ dieses Wunder an Subtilität in „My Foolish Heart“ spielte, und im Hintergrund klappern Kaffeetassen.