Es gibt wohl niemand in der Geschichte der Schallplattenindustrie, der so systematisch und gleichzeitig unsystematisch, so schäbig und so schamlos vermarktet wurde wie Elvis Presley. Er hatte schon frühzeitig sein finanzielles und künstlerisches Geschick in die Hände anderer gelegt: seines Managers „Colonel“ Tom Parker und seiner Plattenfirma, der Komponisten und Arrangeure, die für ihn schrieben, der Film- und Fernseh-Szenaristen, die ihm maßgeschneiderte Rollen und Kostümierungen verpaßten. Nicht einmal sein Tod änderte viel an der Art der Veröffentlichungspolitik, nach der man seine Aufnahmen herausbrachte. Mit weniger Umsicht, Respekt und Einsicht ist selten das Werk eines volkstümlichen Künstlers ediert worden.

Die 8-LP-Kassette, die jetzt posthum zur 25jährigen Showbusineß-Karriere des längst überlebensgroßen Rode ’n’ Rollers herauskam

„Elvis Aron Presley“; RCA CLP8-3699, Preis zirka 150 DM.

ist nach den „Sun Sessions“ und den beiden 4-LP-Sets seiner „World Wide Fifty Gold Award Hits zumindest ein achtbarer Versuch, die Karriere des Sängers in eine Perspektive zu rücken. Wer diese Auswahl nach welchen Gesichtspunkten besorgte, verrät auch die beiliegende 20seitige Broschüre nicht. Für Elvis-Verehrer dürfte es schon genügen, daß die Kassette nicht weniger als 65 bisher unveröffentlichte Aufnahmen meist Alternativversionen bekannter Songs enthält.

Genau was diesen Jungen aus Tupelo/Mississippi so groß machte und warum er als bröckelndes Monument seiner selbst noch der Rock-Mythos par excellence bleiben konnte, dokumentiert diese Zusammenstellung nebenbei. Da gibt es aus seinen Las-Vegas-Jahren eine Live-Aufnahme von „Are You Lonesome Tonight?“, bei der sich Elvis nach wenigen Versen vor Lachen auszuschütten beginnt, den Text dieser veritablen Schnulze einfach nicht mehr zusammenbekommt und am Ende spricht: „Fourteen years are shot like that, man, 1 tell you ...“ Die Bitterkeit ist unüberhörbar. Das Publikum klatscht trotzdem begeistert und besinnungslos Beifall.

Da ist auch eine frühe Live-Aufnahme von „Money Honey“ aus dem Jahr 1956, auf der Elvis diesen Song aus seiner „Heartbreak Hotel“ – LP mit der Bemerkung ankündigt, von diesem „Bestseller“ habe er 43 Platten verkauft. Begleitet vom Orchester eines gewissen Freddy Martin und nicht seinem regulären Trio (das Orchester spielt eine obszöne Parodie auf frühen Rock ’n’ Roll), singt er mit solcher Inbrunst und Lässigkeit gleichzeitig, daß man wieder begreift, warum er die Inkarnation dieser Musik werden konnte. Zwischen den beiden Aufnahmen liegen dreizehn Jahre, in denen Elvis der Citizen Kane der populären Musik wurde.

Wer die „Elvis Aron Presley“-Kassette nicht in seiner Sammlung missen möchte, sollte sich vorsichtigerweise noch einen äußerst robusten Tonabnehmer besorgen und die Platten nur mit diesem abspielen. Denn die in den USA in limitierter Auflage gefertigten Platten sind von jener Preßoualität, die das vorzeitige Ende jedes besseren Abtastsystems bewirken würden! Franz Schöler