Von Gottfried Sello

Unsere Vorstellung von der Malerei des 20. Jahrhunderts muß revidiert werden.“ Schon dieser erste Satz geht aufs Ganze. Das klingt, als ob Generalabrechnung mit der Moderne gehalten werden solle. Modernismuskritik, befindet Jürgen Habermas (nachzulesen im Feuilleton der ZEIT vom 19. September 1980), ist durchaus aktuell und erfreut sich breiter Zustimmung. Es liegt nahe, das eben erschienene Buch von

Rainer Zimmermann: „Die Kunst der verschollenen Generation – Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925 bis 1975“; Econ Verlag, Düsseldorf; 428 S. mit 67 farb. und 140 Schwarzweißabb., 128,– DM

als Kampfansage gegen die moderne deutsche Malerei (oder was dafür gehalten wird) zu verstehen und den Autor in die Fronde der Neukonservativen oder eher noch der Altkonservativen einzureihen. Man denkt gelegentlich beim Lesen, der Geist des zornigen Hans Sedlmayr sei wiederauferstanden und wettere wie eh und je gegen den „Verlust der Mitte“ und die heillose Zerstörung des Menschenbildes, und es ist kein Zufall, daß er an zentraler Stelle, bei der Begründung einer sogenannten „Existenzmalerei“ zitiert wird: „Die moderne Kunst, die diesen Namen verdient, entsteht aus der Substanz und dem Geist der alten und ewigen Kunst heraus ... erkennbar daran, daß ... sie den menschlichen Gehalt nicht aufgibt, daß sie eine Wertordnung anerkennt und sich ihr unterordnet.“ So hat er immer gedröhnt, man hört ihn mit Ärger und Rührung – niemand, auch Beuys nicht, hat die Absicht, den menschlichen Gehalt aufzugeben. Aber keine Diskussion mit oder um Sedlmayr, der bei den Betrachtungen, die Rainer Zimmermann anstellt, im Hintergrund bleibt. Sein Buch verdient gerade deshalb große Aufmerksamkeit, weil das Prinzipielle, das Kunstideologische eine vergleichsweise bescheidene Rolle spielt und statt dessen sehr konkrete Probleme abgehandelt und Übelstände, Versäumnisse, Fehlurteile in unserem Kunstbetrieb nachgewiesen und beklagt werden.

Der Autor will all den Künstlern Gerechtigkeit widerfahren lassen, die vergessen und verschollen sind, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht zum Zuge kamen. Nun hat es natürlich zu allen Zeiten Künstler gegeben, die mit Recht vergessen wurden. Von den anderen ist die Rede, deren künstlerischer Rang in keinem Verhältnis steht zu ihrem Bekanntheitsgrad – so etwa definiert Zimmermann, was er unter „Verschollenheit“ versteht. Daß so etwas sich auch heutzutage ereignet, wo angeblich jedes Mini-Talent sogleich entdeckt und gefördert wird, ist eine Tatsache, die wir ungern zur Kenntnis nehmen, weil sie unsere Ruhe stört, unser träges Einverständnis mit der herrschenden Meinung. Zimmermann berichtet „anstelle einer Einleitung“ von einem Erlebnis, das ihn zu seinem Buch und einer zehn Jahre langen Forschungsarbeit bewogen hat. Er saß im Lesesaal des Kunsthistorischen Instituts der Marburger Universität, an der Wand hing ein Porträt des Institutsleiters Richard Hamann, das ihm, je länger er es betrachtete, um so besser gefiel. Der Name des Künstlers: Franz Frank sagte ihm nichts. Er wollte mehr über ihn erfahren, besuchte ihn in einem Dorf an der Lahn, wohin sich der Maler im Dritten Reich als „entarteter Künstler“ zurückgezogen hatte, er war begeistert von seinem Werk und widmete ihm später eine Monographie – die nichts bewirkte – der Maler blieb weiterhin ein Verschollener.

Es sei dahingestellt, ob sich in diesem speziellen Fall der Aufwand lohnte. Aber jeder, der mit Kunst zu tun hat, kann mit ähnlichen Erfahrungen aufwarten, kennt den faszinierenden Augenblick, wo er sich dem „unbekannten Meisterwerk“ gegenübersieht, und die tiefe Enttäuschung darüber, daß er mit seinem Enthusiasmus offenbar allein steht, daß er vergeblich gegen eine Mauer des Verschweigens und Vergessens anrennt. Insofern ist Zimmermanns Untersuchung völlig legitim und verdienstvoll: es; werden einige Maler ins Licht gerückt, die eine Wiederbegegnung oder eine Neuentdeckung rechtfertigen. Ich denke an Xaver Fuhr, an Josef Scharl, Walter Grammatté, die nicht unbekannt, aber noch immer unterschätzt sind, oder an Künstler wie Karl Kluth und Willem Grimm, die es nur zu regionaler Anerkennung gebracht haben, oder an den jung verstorbenen Karl Weinmair, von dem so gut wie nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist.

Anderseits: Gehören Künstler wie Otto Pankok oder Konrad Felixmüller, der in den letzten Jahren eine beispiellose Aufwertung erlebt hat, auf die Liste der Verschollenen? Außerdem fehlen sogar noch wichtige Namen, beispielsweise Anton Kerschbaumer, oder sie werden, wie Jankel Adler, Helmut Kolle, Ernst Thoms, Gert H. Wollheim zwar im biographischen Anhang erwähnt, aber ihre Bilder werden nicht vorgezeigt. Dafür sieht man Mittelmäßiges in überbordender Fülle, gegen die sich die guten Arbeiten nur mühsam behaupten können. Epigonen, die sich krampfhaft an den Erfindungen der Vorgänger festhalten, werden als Wegbereiter des neuen, „postmodernen“ Stils gefeiert. Da gibt es ein Blumenstilleben, das auf den ersten Blick an Corinth erinnert, aber es ist nur eine klägliche Neuauflage von 1972, und Porträts, die auf eine unsägliche Weise den Duktus Kokoschkas nachvollziehen. Der Autor hat sichtlich keine Mühe gescheut, angeblich oder tatsächlich Verschollene in allen „drei deutschen Staaten“, der Bundesrepublik, der DDR und seltsamerweise auch Österreich aufzuspüren, und er hat dabei die Frage nach dem Rang, der Qualität aus den Augen verloren. Anders wäre der Bilderteil nicht zu erklären, der die unbestritten guten und löblichen Absichten von Rainer Zimmermann durch Anschauung und bis zur Peinlichkeit als Schaumschlägerei entlarvt. Das Niveau entspricht im Schnitt, mit rühmenswerten Ausnahmen, dem der Großen deutschen Kunstausstellung in München oder einer Bezirksausstellung in Dresden, wobei ich ohne weiteres zugebe, daß auch in München, in Halle, in Graz, in der Provinz, auf den Dörfern Entdeckungen möglich sind. Aber das sind leider nicht die Maler, die uns von Zimmermann präsentiert werden.

Was ihn zu diesem trüben Sammelsurium verführt hat, ist die fatale Neigung, aus überzeugenden Einzelfällen Pauschalurteile und generelle Thesen abzuleiten. Es geht nicht um diesen oder jenen Maler, es geht um die Kunst der verschollenen Generation, der zwischen 1890 und 1905 geborenen Künstler. Daß dieser Generation Maler wie Otto Dix, Ernst Wilhelm Nay, Werner Gilles, Werner Heldt angehören, ändert nichts an ihrer „Verschollenheit“. Für diese in ihren künstlerischen Intentionen total divergierende Generation hat Rainer Zimmermann einen umfassenden Stilbegriff parat: den „expressiven Realismus“. Das ist bedenklich bei einem Mann, der beständig gegen die Krux von Stilbegriffen polemisiert und darüber klagt, daß Künstler, die mit keinem Stilbegriff in Zusammenhang zu bringen sind, totgeschwiegen werden, womit er recht hat. Aber statt das Urteil über eine künstlerische Leistung von solchen Begriff en freizuhalten, bringt er selber einen Begriff in Vorschlag, der noch dazu an Leere und Unbestimmtheit kaum zu überbieten ist. Da wird der späte Dix, der auf seine expressionistischen Anfänge zurückgreift, als Beispiel für diesen Stil herangezogen. Aber es wird auch der Unterschied zwischen expressiv und expressionistisch betont: Die expressive Malerei habe bereits in den zwanziger Jahren den Expressionismus überwunden. Aber Hermann Teuber, Willem Grimm, Graf Merveldt, Max Pfeiffer Watenphul (dem Zimmermann unter der Überschrift „Kostbare Gefäße der Trauer“ ein eigenes Kapitel widmet) werden ebenfalls unter diesen Begriff subsumiert, obgleich man ihnen weder expressive noch expressionistische Tendenzen nachsagen kann. Daß Zimmermann selbst an der Brauchbarkeit des von ihm geprägten Begriffs zweifelt, macht die Sache nur noch verworrener. Der expressive Realismus sei in Wahrheit kein Stil, sondern eine künstlerische Grundhaltung „im Spannungsfeld von Welt und Ich“. Der Begriff entzieht sich der Kontrolle, er wird im letzten Kapitel durch „Existenzmalerei“ ersetzt; Was Werner Haftmann einmal von Beckmann gesagt hat, wird auf alles und jedes ausgeweitet und zu einem unsinnigen Prinzip erhoben. Da heißt es, „daß das Kunstwerk nur aus einer Erschütterung der Seele hervorgehen kann“ und „die wahre Kunst ihren Rang dadurch erhält, daß sie zu den herrschenden Kräften ihrer Zeit im Gegensatz steht“. Das kann so sein, aus diesem Gegensatz lebt die kritische Kunst. Aber jeder weiß, daß die Kunst auch andere Wege gehen kann und daß die Erschütterung der Seele nicht ausreicht, um Kunst hervorzubringen. Die Mehrzahl der in diesem Band versammelten Werke zeigt, was man von „Existenzmalerei“ und vom „expressiven Realismus“ der verschollenen Generation zu halten hat – man kann sie vergessen.