Von Dinah Deckstein

Für Jaoski Ajdi aus Mazedonien war der vergangene Samstag ein wichtiger Tag. Vier Jahre lang hat der jugoslawische Zimmermann gewartet, bis er am letzten Wochenende endlich den Antrag für die langersehnte Jahresaufenthaltsgenehmigung stellen konnte. Jaoski ist einer von rund 110 000 "Saisonniers", die alljährlich für sieben bis acht Monate in die Schweiz kommen, um dort jene Arbeiten zu verrichten, die bei den Eidgenossen wenig gefragt sind. Da der jugoslawische Zimmermann laut offizieller Definition "ein ausländischer Arbeitnehmer ist, der für den Saisonbetrieb in der Schweiz eine Aufenthaltsgenehmigung von maximal neun Monaten erhält", taucht er in der amtlichen Ausländerstatistik nicht auf. Dort sind nur jene 900 000 erwerbstätigen Ausländer mit ihren Familienangehörigen erfaßt, die über eine Jahresaufenthaltsgenehmigung verfügen, oder die es zu einer Niederlassungsbewilligung gebracht haben.

Für Jaoski ist eine Anerkennung als sogenannter "Jahresaufenthalter" besonders wichtig, denn nur dann darf er seine Frau und seine drei kleinen Kinder nachholen. Deshalb hat er sich in den vergangenen vier Jahren bemüht, jeweils die maximal zulässige Anzahl von neun Monaten in der Schweiz zu arbeiten. Da jedoch zunächst der Bedarf des jeweiligen Arbeitgebers den Ausschlag gibt, fehlen dem jugoslawischen Familienvater noch immer vier Wochen bis zur geforderten Zahl von 36 Monaten. Und das könnte ihm zum Verhängnis werden.

Nachzulesen sind diese Bestimmungen im sogenannten "Saisonnierstatut", einer Schweizer Erfindung, die fünfzig Jahre alt ist. Zur Zeit steht die umstrittene Regelung im Mittelpunkt der Bemühungen zur Revision des Ausländergesetzes aus dem Jahr 1931. "Das Statut muß weg", fordern unter anderem die Gewerkschaften, einige Linksparteien sowie die sogenannte "Mitenand-Initiative für eine neue Ausländerpolitik". Da der Saisonnier ohne Ausnahmegenehmigung weder den Arbeitgeber noch den Kanton oder den Beruf wechseln darf, ist das Statut ihrer Ansicht nach "unmenschlich und diskriminierend, eine Form modernen Sklavenhandels" und damit schlichtweg "ein Skandal".

Gleichzeitig betonen die Gegner jedoch auch, daß es ihnen nicht darum geht, "die Saisonarbeit für Ausländer zu verhindern, sondern Saisonniers und Gastarbeiter gleichzustellen und die dikriminierenden Unterschiede zwischen einheimischen und ausländischen Arbeitnehmern zu überwinden". Die Mehrheit des schweizerischen Nationalrats ist in dieser Frage jedoch offensichtlich anderer Auffassung: Nach einer hitzigen, mehrstündigen Debatte und monatelangen Vorgefechten sprach sich das eidgenössische Parlament vergangene Woche in einer Grundsatzabstimmung dafür aus, das umstrittene Statut beizubehalten, freilich mit einigen kosmetischen Veränderungen. So soll der ausländische Saisonarbeiter künftig schon nach 28 Monaten die Möglichkeit erhalten, zum "Jahresaufenthalter" zu avancieren.

Grundsätzlich aber haben die betroffenen Wirtschaftskreise damit ihr "Schweizer Modell" erfolgreich verteidigt, das nicht umsonst auch in der Bundesrepublik hoch im Kurs steht: Jahr für Jahr kommen im Frühjahr und Sommer täglich rund 500 Saisonniers über die Schweizer Grenze. Es sind vor allem Italiener, Jugoslawen und Spanier, die im eidgenössischen Gastgewerbe, in der Landwirtschaft, im Baugewerbe oder im Gartenbau in die Bresche springen. Allein 55 000 dieser Arbeitskräfte auf Zeit, die meist kein Wort Schweizerdeutsch verstehen, arbeiten auf dem Bau. Ohne sie, gibt ein Branchensprecher unumwunden zu, "müßte der Hauptteil der Bautätigkeit im Flachland zum Erliegen kommen". Auch für das gehätschelte Schweizer Fremdenverkehrsgewerbe sind die rund 25 000 Saisonniers nach Aussagen von Pierre Moren, dem Zentralpräsidenten des Schweizer Wirteverbandes, "von existenzieller Bedeutung".

Zudem gelten die Saisonniers als relativ günstige Arbeitskräfte, im Gewerkschaftsjargon werden sie sogar als "Lohndrücker" bezeichnet. Jaoski Ajdi kann das bestätigen. Er erhält als ausgebildeten Zimmermann einen Stundenlohn von rund zwölf Franken, versichert aber, daß sein Schweizer Kollege für die gleiche Tätigkeit vierzehn bis fünfzehn Franken verdient. Bei einem Neun-Stunden-Tag und rund 200 Franken Kindergeld kommt Jaoski auf fast 2500 Franken im Monat. Seine Landsleute im Züricher Gastgewerbe müssen sich oft mit der Hälfte begnügen.