Musical in Berlin:

Von Manfred Sack

Es geht los, lange bevor es losgeht. "Könn’ wer?" fragt ein Mädchen in hautengem, schwarz und türkis glänzenden Trikot die Musiker, die schon auf der Bühne sitzen, während sich das Parkett unten langsam fällt. Es kommt die zweite, es kommt die dritte. Sie laufen mal hier, mal da hin, wärmen rauf und runter singend ihre Stimmen an, wie Sängerinnen das so tun, probieren das Mikrophon aus, dann ist es soweit. Das Stück, und das ist hier: die Generalprobe des Musicals "Ich steig aus und mach ne eigene Show" (auf amerikanisch noch länger "I’m Getting My Act Together and Taking It On The Road") beginnt. Die Musik ist eine Art von Pop-Rock, frisch und "funky", etwas zum Mitzucken also, auch versehen mit ein paar schönen Acapella-Partien; die Choreographie ist lebhaft, passend dosiert für eine Kammer-Revue; die Bühne blinkt und spiegelt distinguiert.

Und dann kommt Joe herein, Joe Epstein, der Manager, der Verkäufer der kleinen Truppe. Er ist da, um die Show "abzunehmen", bevor sie nachher dem Publikum präsentiert wird. "Heut", sagt er, "ist ein wichtiger Abend." Dann singt sein Star "Ich pack die Koffer und bin frei" und beschwört gleich den Konflikt, der nun knapp zwei Stunden lang seinen Lauf nimmt.

Das Ereignis dieser Premiere im Berliner Schloßparktheater, der zweiten unter dem Regiment Boy Goberts hier, ist amüsant, virtuos und bemerkenswert gescheit. Man hat einen Spaß, und man nimmt ihn mit nach Hause und hat etwas zum Nach-Denken. Denn es ist den Amerikanerinnen Gretchen Cryer und Nancy Ford geglückt, darin zwei Sujets von spröder Unverträglichkeit miteinander zu verschmelzen: das Musical und die Frauen-Emanzipation. Mit "The Chorus Line", das zwei Wochen vorher im Berliner Theater des Westens deutsche Premiere hatte, gibt es zwar den eigenartigen Zufall einer Parallele, denn in beiden Musicals wird viel getanzt, beide handeln von der Vorbereitung von Stücken – Vortanzen dort, Probe hier –, beide sind in New York entstanden und hatten am und off Broadway ihren (verschieden großen) Erfolg. "Ich steig aus ..." aber hat, das ist interessant, ein intelligentes Libretto, dessen kritischer Gehalt nicht unter Tralala, Pop und Tanz zerrinnt. Sein Thema ist die selbstbewußte, selbständige, die also Männern immer noch Schwierigkeiten machende Frau, eine Frau obendrein, die es sich erlaubt, älter zu werden, ohne gleich alt zu sein, und es nicht zu vertuschen.

Das Geschlecht der Patriarchen ist hier durch Joe vertreten, den Manager, von Gerhard Friedrich hervorragend, mit gewandter Lässigkeit gespielt. Nein, er findet es ganz scheußlich, was das Frauen-Trio für sein an Schnulzen von Liebe, Traum und Seligkeit gewöhntes Publikum des Abends zu tanzen, zu singen, zu spielen vorhat, und versucht es Nummer um Nummer zu zerpflücken, zu verharmlosen, zurückzuverdrehen in eine nette, schmissige, am Verstand vorbei direkt aufs Gemüt gerichtete Show, in "reine" Unterhaltung, eine ohne Probleme, keine Konvention (des Mannes und auch nicht seine Sentimentalität) verletzend. Denn Joe weiß, was "man seinen Fans schuldig" ist, was "sich verkauft" – und was er selber zu wollen gewohnt ist.

Was ihn so haareraufend nervös macht, ist freilich alles andere als eine bärbeißige Emanzen-Demonstration, sondern eine ungemein schwungvolle, fröhlich Mut machende Show, die sich in Songs, in Sketchen und in Dialogen um die eigenständig denkende und handelnde Frau dreht, aber sich dabei auch über das Kauderwelsch soziologiebeschwerter Feministinnen lustig macht. Das Happy-End nach dem ironischen, mitunter bitteren Spiel ist kein Kompromiß, bei dem sich die Frauen und ihr Manager um den Hals fallen, sondern die Trennung: Die drei steigen aus der Liaison mit Joe aus.