Ruhe und Ordnung herrschen seit dem Frühsommer 1980 nicht mehr in Zürich. Die Straßenschlachten zwischen Polizei und jugendlichen Demonstranten haben in der Schweiz wachsende Verwirrung ausgelöst. Der Aufstand der Jungen, der zunächst nur um ein autonomes Jugendzentrum ging, wuchs sich aus zu einem Mißtrauensvotum gegen die schweizerische Gesellschaft und ihre Kultur insgesamt. Davon spricht der Schriftsteller Otto F. Walter in dieser Rede, die er Ende September vor 2000 Zuhörern im Züricher Volkshaus hielt.

Hier, in Zürich, wird eine Gesellschaft getestet. Hier wird der Anspruch einer Gesellschaft getestet – der Anspruch, seine Verwirklichung und also die Glaubwürdigkeit derer, die ihn unentwegt verkünden. Hier steht seit dem Frühsommer ’80 die offizielle Wertskala dieser Gesellschaft auf dem Prüfstand. Das Ergebnis liegt vor:

Sie reden von Kultur. Sie meinen Konsum. Sie reden von Demokratie. Sie meinen law and order.

Sie reden von Freiheit. Sie meinen Geschäft. Daß Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, ist noch nicht typisch zürcherisch, noch nicht typisch nur für die Schweiz. Erst die riesige Distanz zwischen dem, was wir verkünden, und dem, was wir praktizieren, macht den Fall einmalig in Westeuropa.

Bleiben wir bei der Kultur. Daß die Phantasie vernichtet werden soll, ist ein Prozeß, der läuft international. Aber er trifft hier auf Zürcher Verhältnisse, und hier erst wird das Gemisch explosiv. Eine gewaltige Kulturmaschine läuft Tag für Tag – auch von jedem Kiosk, auch von fast jedem Kino aus – über uns weg. Sie walzt alles, was noch da ist an kritischem Denken, an eigener, an nicht-enteigneter Phantasie, an eigener Sprache, nieder. Sie diszipliniert. Sie prägt ihre patterns, ihre Matrizen auch unserem psychischen Stoff auf. Auch unseren Träumen. Das Ziel dieses Prozesses ist klar: die Kreation eines westeuropäischen Norm- und Einheitstyps. Er stört nicht, er funktioniert. Er verinnerlicht die geheimen Diktate und die Wertskala der Werbung, und: er ist happy dabei. Genau an diesem Punkt, am Recht auf die eigene Sprache und Kultur, hat sich hier in Zürich der Aufstand entzündet.

Warum aber gerade hier. Reden wir einmal nicht von der puritanisch-zwinglianischen Tradition und ihrem Obrigkeitsdenken – obwohl auch sie eine Rolle spielt. Reden wir aber von Zürich als dem Zentrum und dem Gehirn der Großindustrie, des internationalen Finanzkapitals, des Goldmarkts. Ich meine damit auch die Konzerne der Großtechnologie und ihre Überwachungssysteme, die Konzerne der Waffenproduktion und der Waffenschieberei. Ich meine auch die großen geheimen Verführer vom Schlag des Werbebüros Farner, ich meine auch Zürich als Keller und Tresor für die Milliardenbeute der Verbrecher in der Dritten Welt. Alle diese schönen Großbanken, Holdings und anderen anonymen Gesellschaften mit buchstäblich beschränkten Haftung: Sie alle brauchen für ihr stilles Wirken Ruhe und Ordnung, nicht allein in ihren Computeranlagen, sondern auch im Umfeld – auf den Straßen und Plätzen, in den Wohnungen und den Schlafzimmern von Zürich. Aber auch noch zusätzlich in den Zeitungen und in den Schulen und in den Köpfen, ja, sogar: Ruhe und Ordnung in unseren Träumen.

Sie agieren im nur diskret beleuchteten Hintergrund. Vorn an der Rampe handeln die Verbände, Parteien und Politiker, die von ihnen dominiert sind.