Über Nacht ist der Straßenverkehr davongeflogen, so als hätte man eine Flugschneise verlegt oder einem Strom mit verheerenden Hochwasserkatastrophen ein neues, breiteres Bett gegraben. Über Nacht sind die signalfarbenen Schilder und Pfeile, die Aufmerksamkeit für Reiseproviant, Milch, Obst, freie Zimmer heischten, überflüssig geworden. Über Nacht ist im gemarterten Tal der Friede einer Kärntner Sommerfrische eingezogen.

Das Tal der Lieser war bei Autofahrern berüchtigt, zuletzt die zwölf Kilometer zwischen Rennweg und Gmünd. Das war das Nadelöhr der Tauernüberquerung. Das Tal war ein verhaßtes Hindernis auf dem Weg nach Jugoslawien, Italien, Griechenland. Keiner, der sich zur Ferienzeit hier durchquälte, hatte Augen für die Schönheit des graublauen Gletscherflusses. Der Hauch des Südens schmeckte nach Benzin und heißem Gummi, der mediterrane Glanz des Himmels war stumpf von Auspuffgasen. Das ist nun nicht mehr so.

Am 27. Juni wurde der letzte Abschnitt der Tauernautobahn zwischen Salzburg und Spittal eröffnet. Das 12 Kilometer lange Teilstück, teuerster und schwierigster Autobahnabschnitt Österreichs (Kosten: eine halbe Milliarde, je Meter also mehr als 40 000 Mark), durchquert das Tal auf neun Übergängen und Hängebrücken. Die Blechfluten gleiten auf halber Hanghöhe unsichtbar und geräuschlos über das Liesertal hinweg. Und wer vordem für die Reize des Idylls aus Überdruß unempfänglich war, bemerkt sie nun nicht mehr, weil sie allzu geschwind an ihm vorbeihuschen. Die Region in Oberkärnten ist bekannt (weil verhaßt) und unentdeckt (weil gemieden). "Der Katschberg gehört bereits zu unserem Gebiet", sagt Karl Riegler, der beeindruckend tüchtige Fremdenverkehrsdirektor im Liesertal. Sprich: die Katschberghöhe mit sechs Hotels, acht Sessellifts und einer brandneuen Sesselbahn zum Aineck, dazu der Katschbergtunnel, an dessen Ausgang, wenn man so will, der Süden beginnt und die milden cisalpinen Lüfte wehn. Das Alpenhotel Katschberghöhe steht mitten auf der Ländergrenze zwischen Salzburg und Kärnten – hüben das Restaurant, drüben Kegelbahn, Hallenbad und die nach Berggeistern benannte Kasermandl-Bar.

Die alte Landstraße führt von der Paßhöhe hinab in das Tal der Lieser, vom Schneeschuhland (zwei Drittel der Übernachtungen im Winter) zum Spazierstockland (zwei Drittel im Sommer), von Skipisten über 800 Meter Höhendifferenz zu Wanderwegen aller Steigungen und Kombinationen zwischen 750 und 3300 Metern. Das heißt: Verdauungsspaziergänge, Bergtouren und extreme Kraxeleien. Das heißt aber auch: Streifzüge mit Radl oder Auto zu Sennhütten und Hochalmen, Bummel durch Gmünd auf den Spuren des Mittelalters.

Die Lieser und ihre Nebenflüsse prägen das Bild der Alpenlandschaft, die Seitentäler und die Seitentäler der Seitentäler. Das ist ein Geriesel und Gehüpfe über abgeschliffene Granitbrocken, ein Geraune und Geschwätz in Farnwiesen. Das Maltatal mit scharfem, kurvenreichen Anstieg zur frostigen Plattform der Kölnbreinsperre gleicht einem Panorama stürzender Gebirgsfälle: auf 18 Kilometer 17 gischtende, tosende Wasserfälle, als würden Riesen ihre eisgrauen Bärte über die Felsen wehen lassen.

Die Wasserfälle leben vom Überfluß der größten Talsperre Österreichs. Der Staudamm mit seiner begehbaren Krone ist wieder so ein Wunderwerk der Technik: 200 Meter hoch und von der Mächtigkeit einer Betonmasse, mit der man eine Stadt für 30 000 Menschen hätte bauen können. Die Unterkunft für Ingenieure hat man aufgestockt, das Hotel hat nun auch Betten für die Bergwanderer. Das Restaurant scheint zu elegant für die Bergeinsamkeit, aber die Zimmer sind bescheiden und behaglich (Übernachtung mit Frühstück: knapp 30 Mark). Vor der Tür beginnen die Wanderwege zu den Dreitausendern der Hohen Tauern, und wer auf dem Tau ernweg aufsteigt, dem liegt der Stausee zu Füßen wie das Blatt einer riesigen, silbernen Sense.

Das Sporthotel Maltatal bei der Kölnbreinsperre und das Alpenhotel auf der Katschberghöhe repräsentieren den höchsten Komfort in der Region Lieser- und Maltatal. Vergleichbare Zimmer mit Vollpension pro Tag und Bett kosten hier rund 50 Mark (einschließlich beliebiger Sesselliftfahrten zum Aineck), dort 45 Mark. Und für das wahrhaft einfache Leben wären da noch die Almhütten.