Von Norbert Moos

7. Juni 1980

Seit vier Jahren hat der thailändische Ort Aran Ya Pra Thet einen unerwarteten Aufschwung genommen. Die Kleinstadt liegt drei. Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt. Sie ist zum Ausgangspunkt des Schwarzmarktes und zum Stützpunkt der internationalen Hilfsorganisationen für Kambodscha geworden. Die Schwarzhändler haben gut am Elend der Kambodschaflüchtlinge verdient. Nicht selten setzen die Händler in den heimlich betriebenen Spielhäusern der Stadt Einsätze von mehr als 10 000 Bath, das sind 1000 Mark.

In den Morgenstunden bewegt sich eine nicht abreißende Kolonne von Lastwagen in Richtung der thailändisch-kambodschanischen Grenze: die Trinkwassertanks der Unicef, die Reislieferungen der Uno, die Ärzteteams der internationalen Hilfsorganisationen, Lastwagen voll mit Bambusstangen, Plastikplanen zum Hüttenbau der Flüchtlinge. Irgendeiner der Lastwagen hat hinter dem Reisbauerndorf Ban Nan Ank einen Wasserbüffel gerammt. Der Kadaver des Tieres liegt mit blutendem Maul, den Kopf in den Nacken geredet, am sumpfigen Wegrand. Zwei Kinder in der zerschlissenen, verschmutzten Kleidung der ärmlichen Bauernbevölkerung ziehen vergebens an dem Hanfstrick, der um den Hals des toten Tieres gebunden ist. War es der einzige Wasserbüffel, den die Familie besaß? Wer wird den Pflug in den Reisfeldern ziehen, jetzt, da zu Beginn der Monsunregenzeit die Reisaussaat erfolgt? Wie sollen die thailändischen Reisbauern in ihrer Armut verstehen, mit welchem internationalen Aufwand den Kambodschanern geholfen wird?

In Höhe des Dorfes Bang Ank Sila zweigt ein schmaler Pfad ab, der die thailändischen Grenzkontrollen umgeht. Auf diesem Pfad bewegt sich sein und anderen schwer kontrollierbaren Pfaden Lebensmittel und Textilien, in die kambodschanische Grenzregion bringen. Solchermaßen werden durch offizielle Reishilfslieferungen und durch Schwarzmarktlieferungen folgende Flüchtlingslager an der Grenze ernährt: Nong Samet, 120 000 Flüchtlinge; Nong Mak Mun, 60 000 Flüchtlinge; Nong Chang, 30 000 Flüchtlinge. Daneben gibt es – weiter von der Grenze entfernt.– die militärisch sichereren Holding Center: Khao I Dang mit 120 000 Flüchtlingen und Sakheo mit 40 000 Flüchtlingen. Das Lager Sakheo wird von den Roten Khmer kontrolliert, die nach wie vor ideologisch zu Pol Pot stehen. Die übrigen Lager sind Gruppierungen der Khmer Seri zuzurechnen.

Zwischen den Schlammpfützen und niedrigen Hütten des Flüchtlingslagers Nong Samet sind fünf Tote, 16Verletzte. Niemand weiß, wer diese Granaten auf das Lager der Khmer Seri abgefeuert hat: die Roten Khmer, die Vietnamesen? Während wir in unserem improvisierten, von Millionen von Fliegen heimgesuchten Bambushospital die Verletzten versorgen, werden schon die nächsten Patienten in einer Hängematte, die an einer Bambusstange aufgehängt ist, gebracht.