In Halle C auf dem alten Messegelände in Düsseldorf feiern gegen zehn Uhr abends Patienten einer Heil- und Pflegeanstalt ein Fest. Eine Stereo-Anlage ist aufgebaut, auf einem Tisch stehen große Cola- und Fanta-Flaschen, einer hat ein paar Luftschlangen mitgebracht. Es kann losgehen.

Die Patienten, die sich einen Teil der Halle als Tanzfläche reserviert haben, wirken nervös. Andere, die auf Stühlen Platz genommen haben, um beim Tanzen zuzuschauen, blicken verlegen zu Boden. Es geht nicht los in Halle C: der Plattenspieler ist defekt. Neben einem Getränkeautomaten sitzt ein Patient und lacht, lacht laut und ein bißchen mechanisch. Es ist ein untersetzter Mann, mit kurzen, schwarzen Haaren, großen Augen und einem Schnauzbart: Alexander März. Plötzlich knistern ein paar Takte Musik aus den Boxen: "Gotta go home ..." Gierig stürzen sich die Patienten in rhythmische Bewegungen, versuchen ihr Fest zu feiern. Aber nach ein paar Sekunden ist alles vorbei. Zwei, die fast leblos auf ihren Stühlen sitzen, spielen mit Luftschlangen, Alexander beschäftigt sich mit einer blonden Frau. Sie ist mit jahrealten Sonderangeboten der Kaufhauskonfektion gekleidet, wirkt vulgär und fast frivol. Der Discjockey, selbst ein Patient, geht zum Mikrophon, aufmunternd sagt er: "Es ist noch Cola und Kuchen da." Die drei, vier Leute, die versuchen, die Anlage zu reparieren, bringen wieder ein paar knisternde Takte Musik zustande: "Gotta go home..." Gierig stürzen sich die Patienten in rhythmische Bewegungen, versuchen ihr Fest zu feiern. Aber nach ein paar Sekunden ist alles vorbei. Einer führt vor, daß er Mundharmonika spielen kann. Sein stolzer Vortrag wirkt wie eine Straf arbeit zur Entschuldigung seiner Fehler. Schließlich setzt sich der Discjockey eine blonde Perücke auf und zieht ein gelbes Kleid an. Im Asyl der Psychiatrie, in der sonst Männer und Frauen getrennt leben, will er im Playback ein Lied von Marilyn Monroe vortragen. Er steht neben der Stereo-Anlage, vor dem Mikrophon, raucht und wird nervös, weil er das Lied nicht findet. Das Fest gelingt den Patienten so wenig wie ihr Leben.

Alexanders poetische Texte

In seinem Buch "Wahnsinn und Gesellschaft" referiert Michel Foucault die Meinung der Öffentlichkeit vom psychiatrischen Asyl. Es sei eine Welt, in der es sich um "das Böse und Bestrafung, Libertinage und Unmoral, Buße und Züchtigung handelt". Foucault: "Es ist eine Welt, in der unter diesen Schatten die Freiheit umgeht." "Freiheit das Wort im lauten Klang./liegt als Parole für die Leut’ –,/bereit uns zu verbannen", schreibt Alexander, der eigentlich Ernst Herbeck heißt in seinem Gedicht "Ich". Alexander ist ein kleiner, schmächtiger, schüchterner, verschlossener Mensch, vor sechzig Jahren in Stockerau bei Wien geboren. Niemand besonderes – mit einer Besonderheit: Alexander kam mit einer Hasenscharte zur Welt. Mit achtzehn wurde er deswegen zum letztenmal operiert. Als der körperliche Schaden fast beseitigt schien, war der seelische schon irreparabel. Seit 1946 verbringt Alexander sein Leben in der Heil- und Pflegeanstalt in Klosterneuburg in Niederösterreich. Dort schreibt er seit sechsundzwanzig Jahren Gedichte. Sein Arzt, der Psychiater Leo Navratil, hat sie als "Alexanders poetische Texte" publiziert. "Das Leben des schizophrenen Dichters Alexander März" hieß ein 1975 gesendeter Fernsehfilm des Dramatikers (und früheren Psychiaters) Heinar Kipphardt, Regie Voitech Jasny. Ein Jahr später hat Kipphardt einen Roman veröffentlicht: "März." Vier Jahre später wird in der Halle C auf dem alten Messegelände in Düsseldorf ein Theaterstück von Heinar Kipphardt uraufgeführt: "März, ein Künstlerleben."

In der Sache Alexander März erklärt Heinar Kipphardt: Alexanders Krankheit ist nicht die Psychose, sondern die Psychiatrie. Zum Klinikum Lohberg fährt Dr. Kofler, Alexanders Psychiater, mit seinem VW-Käfer lange über schmale Straßen in eine Einöde, wo keine Menschen mehr leben, sondern Patienten. Lohberg ist ein Lager aus dunklen Ziegelbauten. Arbeitskolonnen in grauer Anstaltskleidung ziehen morgens auf die Felder. Alexander ist ein Gefangener der Psychiatrie. Der Filmregisseur Voitech Jasny erklärt das mit der geographischen Lage des Asyls, mit der Architektur der Gebäude, mit dem Lohberger Arbeitsalltag. Jasny zeigt, daß die Patienten in Lohberg ihren Lebensraum verloren haben.

Der Theaterregisseur Roberto Ciulli hat nur einen einzigen Raum für seine Inszenierung zur Verfügung. Dort erzählt er vom Verlust der Lebenszeit der Patienten. In der großen Halle, oft weit von den Zuschauern entfernt, sieht man geduckte Gestalten: ziellos, von Beruhigungsmitteln betäubt, schleichen sie um die von Neonröhren beleuchteten Krankenbetten. Sie stehen endlos vor dem Schreibtisch des Pflegers an, um ihre Medizin zu holen. Sie blättern wie abwesend in Illustrierten. Einer beschmiert die Wände und wird vom Pfleger weggeschoben, ein anderer verfällt in einen sturen Gesang. Ciullis Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben hat an die hintere Wand der Halle Müll-Container gestellt.

Im Roman sagt Alexander: "Ich bin der, der nicht spurt. Mülltonnen vor der Tür sollen mich zum Abfall charakterisieren." Alexander ist ein Gefangener der Psychiatrie. Ciulli belegt das zu Beginn seiner Inszenierung durch lange, fast stumme Szenen. Abwesende, Angeschlagene, Ausgestoßene: Szenen ohne Hauptdarsteller, ohne Geschichten, fast ohne Wörter.