Im Fiat-Konflikt verloren die Gewerkschaften

Von Friedhelm Gröteke

Es gibt keinen Glauben mehr", resigniert ein kommunistischer Fiat-Arbeiter. "Jetzt pfeifen sie sogar den Lama aus, unseren Genossen, die Nummer eins der Gewerkschaft."

Soeben hat ein ohrenbetäubendes Gebrüll Luciano Lama, den Generalsekretär der kommunistischen Dachgewerkschaft CGIL (Confederazione Generale Italiana dei Lavoratori) zum Schweigen gebracht. Noch nie zuvor ist der Gewerkschaftsboß auf einer Betriebsversammlung so massiv angegriffen worden wie hier im Karosseriebau bei Fiat in Turin, dem größten Unternehmen Italiens.

"Genosse Lama, du hast wohl vergessen, was du vor zehn Jahren gesagt hast", schreit einer von links. Solche und ähnlich unfreundliche Attacken der erregten Fiat-Werker richten sich gegen den Kompromiß, den Lama und seine Kollegen von den übrigen Dachgewerkschaften unter Vermittlung der Regierung mit der Fiat-Verwaltung abgeschlossen haben, um einen der schwersten Sozialkonflikte der Nachkriegsgeschichte beizulegen: die Auseinandersetzung über die zeitweilige Beurlaubung von 23 888 Beschäftigten des Autokonzerns.

Lama preist die Vorzüge dieses Kompromisses – doch er erntet nur Hohn und Spott. Jeder einzelne Fiat-Arbeiter erhalte mit diesem Vertrag die hundertprozentige Garantie für einen Arbeitsplatz, erinnert er die brodelnde Masse, und das sei die beste Sicherung, die je durch einen Gewerkschaftsvertrag in Italien oder einem anderen Industrieland erstritten worden sei. "Geh doch du in Urlaub", erwidern ihm wild gestikulierende Arbeiter. Einige zerreißen sogar ihre Mitgliedsausweise.

So begann die härteste Kraftprobe, die Italiens Dachgewerkschaften je mit ihren eigenen Anhängern durchzustehen hatten. Eine gut organisierte Minderheit nämlich wollte die 36 Tage zuvor begonnene Blockade aller Autofabriken des Konzerns weiterführen – trotz des ausgehandelten Kompromisses. Für sie ist dieser Konflikt die Gelegenheit, Fiat eine "historische" Schlappe im Klassenkampf beizubringen. Ihr Motto: Je mehr der Konzern geschädigt wird, desto leichter wird später die Verstaatlichung.