Von Hans C. Blumenberg

Hokkaido, am 20. Oktober 1979. Durch das weite, wilde Land der nördlichsten der japanischen Inseln zieht eine Geisterarmee. Über vierhundert Jahre nach ihrer Vernichtung in der Schlacht von Nagashino im April 1575 sammeln sich die Truppen des unbesiegbaren Takeda-Clans zu ihrem allerletzten Gefecht. Die Wimpel mit den kunstvoll gemalten Emblemen der Samurai-Krieger wehen über den drei Kampfformationen. Die Kavallerie trägt schwarze Rüstungen, die Lanzenträger prunken in dunklem Rot, grün sind die Brustpanzer der Infanterie. Zweihundert Reiter führen die diszipliniert marschierenden Kolonnen an.

Es muß ein überwältigender Anblick gewesen sein an jenem Herbsttag des letzten Jahres, als der Glanz des Hauses Takeda, die Pracht des japanischen Mittelalters aus einer langen Vergessenheit gerissen wurden: nicht zu Ehren eines toten Herrschers, sondern zur Erfüllung eines kühnen Traums. Ein großgewachsener Japaner in Arbeitsstiefeln, verwaschenen Bluejeans und Lederjacke befehligt die Takeda-Armee von 1979. Er trägt, wie immer, eine dunkle Brille und eine Schirmmütze. Er ist fast siebzig Jahre alt, aber man könnte ihn für einen athletischen Mittfünfziger halten. Und auch er stammt aus einer Epoche, die man längst vergangen wähnte: aus der glorreichen Zeit des japanischen Kinos, als er, vor 25 Jahren, mit Kenji Mizoguchi und Yasujiro Ozu ein Triumvirat bildete, dessen künstlerischer Reichtum auf der Welt seinesgleichen nicht fand. Er ist Akira Kurosawa. Er ist heimgekehrt.

"Es ist schlimm, daß es keine Nachfolger für Mizoguchi und Ozu gab. Als sie verschwanden, war niemand da, der ihre Arbeit fortsetzen konnte. Das war eine große Tragödie. Niemand beschäftigte sich mit der Ausbildung neuer Regisseure. Die Produktionsgesellschaften wollen nicht in erster Linie große Filme machen, sie denken nur ans Geld. Früher bestand das einzige Ziel der Regisseure darin, etwas Schönes, Starkes, Phantastisches zu schaffen. Dann übernahmen die Leute aus den Kommerzabteilungen die Macht. Jetzt gibt es keine guten Filme in Japan mehr."

Selbst Akira Kurosawa wurde von dieser Entwicklung betroffen. Selbst er, der 1951 in Venedig mit "Rashomon" dem Westen die Augen geöffnet hatte für das japanische Kino dessen Meisterwerke überall auf der Welt Bewunderer, Nachahmer und auch schlicht Plagiatoren fanden, selbst jener Mann also, den sie in den Studios von Tokio den "Tenno" nennen, fand immer weniger Unterstützung für seine Projekte, 1971, nach dem Mißerfolg von "Dodeska-den" (über das Leben in einer Slumsiedlung am Rand einer modernen Metropole), unternahm er einen Selbstmordversuch. Man sieht noch die feinen Narben an seinem Handgelenk. Er ging in die Sowjetunion, um in der Einsamkeit am Ussuri-Fluß "Dersu Uzala" zu drehen, ein schwelgerisches Naturgedicht von der Verlassenheit des Menschen in der Wildnis, die Geschichte der Freundschaft zwischen einem alten asiatischen Kundschafter und einem russischen Forschungsreisenden im Jahre 1902, in jeder Einstellung auch eine Anklage gegen die Verwüstung der Natur in Japan.

Das neue Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, das Land, das seine kulturellen Traditionen einem gigantischen ökonomischen Aufschwung opferte, ist nicht Akira Kurosawas Japan. Seine Krankheiten hat er in Filmen wie "Der betrunkene Engel", "Bericht eines lebenden Wesens" und "Die Schlechten schlafen gut" beschrieben. Aber kritische Gegenwartsstoffe haben inzwischen kaum noch eine Chance.

"In der modernen japanischen Gesellschaft stimmt nichts. Die Krankheit fängt bei den Politikern an, betrifft die Bürokratie ebenso wie die großen Finanzclans, die die japanische Wirtschaft dominieren. Ich würde gern wieder einen Gegenwartsfilm machen. Sie stellen sich vielleicht vor, daß es in Japan Meinungsfreiheit gibt. In bestimmter Weise existiert Freiheit für Filme, die von Gewalt oder von Pornographie handeln, Um von den wirklichen Problemen abzulenken. Aber wenn man die wirklichen Probleme darstellen will, dann ist das nicht möglich.