Von Raimund Hoghe

Ein Gitter: ein Zeichen auch der Abgrenzung – wir hier, die da. Wenn die Kunsthalle Bielefeld jetzt mehr als zweihundert Zeichnungen, Gemälde, Collagen und Texte von rund 120 Gefangenen aus westfälischen Justizvollzugsanstalten ausstellt, dann ist das zunächst ein Blick auf "die da" hinter dem Gitter – "ähnlich wie im Zoo, wo exotische Lebewesen außerhalb ihrer ‚natürlichen‘ Lebensverhältnisse ‚künstlich‘ präsentiert werden", so Betroffene zur Problematik des Ausstellungsunternehmens. Besondere Erwartungen an das Projekt äußern die Gefangenen nicht: auf andere Menschen habe es ja doch keine Wirkung, und an ihrer Situation im Knast ändere eine Ausstellung nichts.

"Der Ausblick aus meiner Zelle – Alles Beton", betitelt Andreas Jakubowski seine im Bielefelder Knast entstandene Zeichnung, ein Fensterbild wie viele andere: mit dichtem Gitternetz vor Zäunen, Mauern, fernen Pflanzen, Sonne. Doch selbst begrenzte Ausblicke dieser Art sind einigen Häftlingen verwehrt. Neben einer Zeichnung ohne Titel und Namensangabe findet der Ausstellungsbesucher den Hinweis: "Um diese Zeichnung herstellen zu können, mußte der Gefangene viele Male hochspringen, um überhaupt sehen zu können, wie die Welt vor seinem vergitterten Fenster aussieht."

Die Bilder der Gefangenen: unter anderem Versuche, anzukommen gegen eine Situation, die einem nicht nur die Sicht nach draußen versperrt, Bemühungen auch, sich als Mensch zu behaupten und Beispiele für die Möglichkeit, "über Malerei Gefängnisrealität sehen lernen zu können und aus dem Knast zu erzählen". Kunstüberlegungen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die von zahlreichen Diskussions- und Informationsveranstaltungen begleitete Ausstellung will dann auch nicht exklusive "Kunst im Knast"-Auswahl sein, sondern ein möglichst umfassender Überblick. So werden neben Bildern und Plastiken auch Briefkopfentwürfe mit Sätzen wie "Verliere bitte nicht den Mut" oder "Du bist mein Traum" ausgestellt, Tätowiervorlagen auch, bei denen die in etlichen Traum- und Fluchtbildern zitierten Motive wiederkehren: Herzen zum Beispiel und immer wieder Schiffe. "Ich habe das Schiff gezeichnet, weil es mir gefallen hat", notiert der Gefangene Peter Demski, und: "Das Bild soll ausdrücken, daß das Leben in der Freiheit mehr wert sein kann als im Knast. Ich meine, wenn ich das Bild anschaue, wünsche ich mich in die Natur zurück, denn es strahlt die Natur in meine Zelle aus."

Die teilweise unbeholfenen Formulierungen, die ungelenken Zeichnungen: oft setzen gerade sie die eindrucksvollsten Zeichen und sind bemerkenswerte Dokumente von Außen- und Innenwelt der Gefangenen, Zwangs- und Wunschvorstellungen, Sehnsüchten und Wunden, Träumen und Wirklichkeit und: der Kluft dazwischen.

Zu den schwächeren Ausstellungsbeiträgen zählen dann auch gerade die angestrengten Versuche, "Kunst" zu machen – wobei dann die Individualität des Gefangenen meist nur noch einmal bis zur Unkenntlichkeit überdeckt und zugeschüttet wird. Von diesem Identitätsverlust handeln einzelne Arbeiten. "Hier verliere ich mein Gesicht" nennt ein Inhaftierter eine Plastik, die einen an einer Mauer stehenden gesichtslosen Mann zeigt. Ein anderer sieht "Das Gesicht eines Gefangenen" so: ein Paar Arbeitsschuhe, ein Blechtopf.

"Warum", fragten Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Münster, "sollen wir malen, was wir sowieso jeden Tag sehen?" Noch am ehesten fand hier "die Möglichkeit der Darstellung real-utopischer und surrealer Gefängnissituationen (,Zukunftsknast‘, ‚Traumgefängnis‘) gemeinschaftliches Interesse". So entstanden Gruppenbilder wie "Gefängnisgarten mit Wasserkran und Teich" oder "Blick aus Zellenfenster auf frei schwebende Gedanken vor Landschaft".

Namen und Biographien der Gefangenen bleiben in der von der Bürgerinitiative "Kreis ’74 – Straffälligenhilfe Bielefeld" angeregten Ausstellung weitgehend unbekannt. Einer der wenigen, über die mehr mitgeteilt wird, ist der als "Domschatz-Räuber" in die Schlagzeilen und die Mühlen der Justiz geratene Ljubomir Ernst. "Ljubo malt gute Bilder. Und schlechte Bilder. Die besseren sind Ab-Bilder unser aller Obsessionen hier im Knast. Die Mordmaschine dort, die Wunschmaschine hier. Dort der entsetzliche Stumpfsinn der Justiz, der Wahnsinn des Vollzugs, die Barbarei. Hier die Haut, vornehmlich Frauenhaut schreibt Peter-Paul Zahl; und "Der Knast ist ein schrecklicher Vereinfacher", stellt Peter-Paul Zahl fest. Daß viele Bilder aus dem Knast entsprechend "einfach" sind: nicht denen vorzuwerfen, die hinter Gittern zu überleben suchen – nicht wie Tiere im Zoo. (Kunsthalle bis 2. November, anschließend in Herten und Münster, Katalog 10 Mark).