Hervorragend –

Van Morrison: "Common One". Schon auf dem Höhepunkt seines ersten Ruhms war Van Morrison, als bester weißer Rhythm & Blues-Sänger aller Zeiten, der mit Abstand am wenigsten zeitgenössische Künstler, den die Rockmusik je hervorgebracht hat. Vom Blues seines Idols John Lee Hooker ausgehend, fand er mit der Zeit seine ganz eigene Form von Gospel Music, und auch die zufällig erfolgreicheren Platten wie "Astral Weeks" und "Tupelo Honey" waren nur Stationen auf seiner spirituellen Suche nach Versöhnung von Mensch und Natur. Anders als viele seiner Kollegen von den Beatles bis Bob Dylan, die zwischendurch oder für immer ihr Heil in fernöstlicher oder abendländischer Religiosität fanden, blieb er der hoffende Zweifler. "Common One", Van Morrisons eigene "Winterreise", beginnt als lyrischer Preisgesang auf die Schönheiten der Natur und endet mit der Beschwörung des Todes als des Erlösung bringenden Liebhabers: ein, wie gesagt, höchst unzeitgemäßes Album, das nicht mit modischer Tristesse oder apokalyptischer Vision kokettiert, in seiner radikalen Subjektivität aber zeitgenössischer klingt als fast alles, was man in New Wave Rock-Texten über das Nahen der Endzeit hören kann. (Mercury 6302 021)

Franz Schüler

Originell

Marran Gosov: "Vocoding Life/Psycho-Akustik". Klar, sagt Marran Gosov, der Autor der Gedichte, die er hier in einer variantenreichen Art von Sprechgesang vorträgt, und zugleich der Komponist der eigenartigen Musiken, in die er sie wie in durchsichtige, raschelnde Folie wickelt, "klar, unvollkommen bin ich. Wie kann ich anderen die Leviten singen. Auch ich bin ein von Zukunftserfahrungen gebranntes Kind, zurückgefallen auf mich selbst, und ahne schon die Gewißheit, daß am Ende nur jene Güte beweisen werden, die an nichts glauben." Es handele sich, fügt er hinzu, um keine High-Fidelity-Schallplatte: Er hat sie selber aufgenommen, in "München, Georgenstraße 53, letzter Stock", mit kleinen elektronischen Finessen: Sie verfremden seine Stimme, vervielfältigen, verzerren sie und statten sie delikat mit einer ebenso behandelten musikalischen (Synthesizer-)Begleitung aus. Gegenstand dieser faszinierenden Übung sind hübsche, harmlose, komische, ironische, absurde Gedichte, denen zuzuhören man durch die Eigenart von "Instrumentation" und Interpretation (was meist miteinander identisch ist) verführt wird – solange, bis diese Praxis durch stetige Wiederholung an Reiz verliert. (Kuckuck Schallplatten, Habsburgerplatz 2, 8 München 40; Bestell-Nr. 045) Manfred Sack