Klassisch schön laufen die Nachwahlrituale ab. Die Koalitionspartner tasten sich auf Stärke und Waffen ab. Genscher warnt die "Linken", Brandt die FDP vor zuviel Begehrlichkeit. Die FDP empfiehlt eine Art All-Parteien-Gemeinsamkeit in Sachen Außen- und Sparpolitik. In der Opposition vibriert es unter der Oberfläche. Und das Personalkarussell wird wie von unsichtbarer Hand gedreht. So ist das immer.

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Was CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, im Beisein von Ulf Fink und Meinhard Ade aus dem Adenauer-Haus dem Spiegel über die künftige Strategie der Union verraten hat, muß er bald als zu starken Tobak empfunden haben. Geißler zog das Interview wieder zurück. Der Stern bekam Wind davon.

Es muß nicht sein, daß sich Kohl die Proklamation der "Wende" in der Unionspolitik – gemeint ist nun eine ganz andere "Wende" als im Wahlkampf – selber vorbehalten möchte. Geißler hatte jedoch einen Kurswechsel verkündet, über den die CDU offiziell erst Ende November befinden will.

Es ist zwar anzunehmen, daß nicht nur Geißler meint, mit einem anderen Kandidaten an der Spitze hätte die Union um mindestens zwei Prozentpunkte besser abgeschnitten; ebensowenig dürfte Geißler mit der Einsicht alleine stehen, die CDU müsse in Ton und Form, ohne die alten Standpunkte aufzugeben, zu einem moderateren Kurs in der Außenpolitik finden.

Aber – wie das jüngste Beispiel Deutschlandpolitik lehrt – in der Union bleibt mit Widerständen auch gegen kleinste Kurskorrekturen zu rechnen; jedes, voreilige Interview kann sie vergrößern. Geißlers Rückzieher verrät also viel über die Seelenlage der Union.

Ob im übrigen Heiner Geißler dazu prädestiniert ist, eine "Wende" zu verkünden, wäre eine ganz andere Frage. Schließlich hat er sich in Strauß-Sprache für Strauß verkämpft.