Florenz, wo Machiavelli lebte und über den Staat nachdachte, war ein kleiner überschaubarer Stadtstaat. Seine heimliche Polizei war den Bürgern nicht weniger unheimlich als die Großpolizeien moderner Staaten. Genf – das Rousseau den Maßstab für die volonté generale gab, war ebenfalls klein und überschaubar. Staatszynismus und friedliche Volksherrschaft – beides schließt der sein Geschick selbst bestimmende Stadtstaat nicht aus. Kleinheit ist keine Garantie für Demokratie – Größe kein Zwang zur Diktatur.

Wenn nicht aus diesem Gegensatz, woher leitet sich die Suche der Alternativler nach den Gegensatzpaaren: zentral–dezentral, groß–klein, ab? Was bestimmt diese neue geradezu manichäisch eindeutige Trennschärfe, die das Gute ins Kröpfchen, das Schlechte aber in den Hades des Untergangs verdammt?

Nicht in der Organisation des politischen Systems,, nicht in der unüberschaubaren Größe und Komplexität staatlichen Handelns entzündet sich die Dynamik der Alternativbewegung, sondern eher an ihrem Desinteresse an all dem. Kein Marsch durch die Institutionen, schon lange nicht mehr. Jusos erscheinen manchen Politikern noch als Alptraum, in vielen ihrer Ortsvereine tauchen Zwanzigjährige kaum noch auf. Ein Abmarsch aus den Macht anbietenden Großorganisationen hin zu Gemeinschaftsformen, in denen nicht von Macht geredet wird, sondern vom Sinn.

So problematisch willkürliche Einteilungen bei sozialen Bewegungen sind – mir fallen fünf Grundelemente auf, an denen sich die Alternativbewegung entzündet hat:

  • die schleichende "Kolonisierung der Lebensformen" (J. Habermas);
  • die Entmachtung der Verfassungsorgane durch außerdemokratische vermeintliche oder tatsächliche Sachzwänge – das Entstehen des Sachzwang-Staates;
  • das Herausfiltern Tausender aus den "Großsystemen";
  • das Versagen der Humanwissenschaften, das statistisch quantifizierte Menschenbild der Psychologie und Soziologie;
  • die ökonomisch-ökologischen Bedingungen, sowie die Versäumnisse, Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen der letzten zehn Jahre.

Es mag mehr Elemente geben. Alain Touraine, dessen Arbeitsgruppe in Frankreich seit Jahren an der begleitenden Erforschung dieser Alternativbewegung arbeitet, nennt die Bildungsreform und die neuen Schichten, die mehr und mehr perspektivlos ins Hochschulsystem rekrutiert worden sind.

Eine soziale Bewegung in ganz Westeuropa ist entstanden – die scheint an den traditionellen Institutionen nicht interessiert. Touraine meint, sie müsse als Bewegung des "Nach-Sozialismus" ihre Institutionen und tradierbaren Ausdrucksformen erst noch finden.