Überlegungen zu einem Thema, das uns fast täglich betrifft

Von Dieter E. Zimmer

Es soll hier um etwas gehen, worüber wir uns nur ungern in Gespräche verwickeln lassen: um Trauer. Um die Trauer, die Sie und ich gefühlt haben oder die wir hätten fühlen sollen, aber schuldig geblieben sind.

Immer wieder sind wir zur Trauer aufgerufen. Immer wieder heißt es, es trauere nun das ganze Volk. Dann wehen die Fahnen auf Halbmast, aber im Bus die Gesichter sehen aus wie üblich. Niemand jedoch sagt: Ich trauere aber nicht. Wer seine Trauerlosigkeit zugäbe, stünde als ein gefühlloser und unmoralischer Mensch da, ein Psychopath und Soziopath auch in seinen eigenen Augen.

Ich will nicht behaupten, daß niemand in dieser scheinbar geschlossenen Trauergemeinschaft wirklich Trauer empfinde. Ich glaube jedoch zu wissen, daß viele keineswegs trauern und daß sie deswegen ein schlechtes Gewissen haben. Ich weiß, daß ich selber bei Solchen Anlässen mancherlei empfinde, aber Trauer nicht.

Zum Beispiel nach dem Bombenanschlag auf dem Oktoberfest in München. Zum Beispiel Wolfgang Mischnick, der Fraktionsvorsitzende der FDP: mit allen mitempfindenden Bürgern eine "uns die Trauer, die Erschütterung und der Abscheu". Wer in sich keine Trauer vorgefunden haben sollte, war damit ausgeschlossen aus dem Kreis der empfindenden, der anständigen Bürger, ein Aussätziger.

Nun trug sich in München bekanntlich ein besonders krasser Fall von Trauerlosigkeit zu. Die Blutlachen auf dem Pflaster waren kaum weggespritzt, da nahm das Fest seinen Fortgang, da floß das Bier, da blies die Musik auch schon wieder. Die Politiker, die es so. entschieden hatten, waren mit den Geschäftsleuten und dem Publikum offenbar eines Sinnes: Wir lassen uns die Freude nicht vermiesen. Das Leben ging weiter, obwohl von vielen Seiten her Einspruch erscholl; in der Frankfurter Allgemeinen empörte sich etwa Günther Rühle über die Weigerung, "den Mord zum Gegenstand öffentlicher Trauer zu machen".