/ Von Horst Bieber

Berlin, im Oktober

Mit starken Worten war das DDR-Außenministerium gleich zur Hand: "Betriebsgefährdung" und "umfangreiche vorsätzliche Beschädigungen" und "verbrecherischer Anschlag" – der östliche Protest stilisierte die Tat jener Rowdys, die in der vorigen Woche in West-Berlin den S-Bahnhof Staaken verwüsteten, zur gezielten Provokation gegen das sozialistische Deutschland hoch. Vom Regierenden Bürgermeister Stobbe wurden "energische Maßnahmen zur Unterbindung dieser Verbrechen" verlangt. Allein diese Forderung zwingt, diesen Protest ernst zu nehmen. Denn bislang fühlte sich die (östliche) Reichsbahn-Polizei für den Schutz der Bahnanlagen verantwortlich (die West-Berliner Polizei wird in der Regel nicht einmal über Zwischenfälle informiert), und Staaken ist die Endstation einer jener S-Bahn-Linien, die seit dem September-Streik der in West-Berlin arbeitenden Reichsbahner stillgelegt ist.

Nach den Entlassungen ihrer aufmüpfigen Mitarbeiter, die höheren Lohn und bessere Sozialbedingungen erzwingen wollten, betreibt die Reichsbahn nut noch die Nord-Süd-Verbindung von Lichterfelde/Lichtenrade nach Frohnau und Heiligensee, die zum Teil durch den Ostsektor über den Bahnhof Friedrichstraße führt, und die Linie Wannsee–Friedrichstraße. Auf den weitaus wichtigeren und stärker benutzten Gleisen des inneren Ringes mit den Abstechern nach Staaken und Gartenfeld, ferner auf der Querspange Nikolassee–Schöneberg, stehen seitdem die Wagen still.

Ob, wann und zu welchen Bedingungen die Reichsbahn ihrem Betriebsrecht und ihrer Betriebs pflicht auf diesen Strecken wieder nachkommen will, steht in den Sternen. Manches spricht dafür, daß sie sich damit viel Zeit lassen wird.

Da sind einmal jene – meist jüngeren – Reichsbahner, die in die Bundesrepublik abgewandert sind. Rund 240 Triebwagenführer und Techniker hatten in der vorigen Woche Stellungen bei der Bundesbahn gefunden, der Großteil in Hamburg und Hannover, wo sie mit Handkuß empfangen wurden. Sie zu ersetzen würde Ost-Berlin schwer, wenn nicht unmöglich sein.