Starten Sie einmal eine Sammlung für Krebskranke, für die Krebsforschung, oder suchen Sie einen Schirmherrn dafür. Kein Problem. Machen Sie dasselbe für Körperbehinderte, etwa Querschnittsgelähmte. Das geht auch. Oder für geistig Behinderte, vor allem Kinder. Sie werden zufrieden sein. Selbst wenn Sie für entlassene Straffällige die Sammelbüchse hinhalten, läßt sich darüber reden. Und nun probieren Sie dasselbe einmal für seelisch Kranke oder seelisch Behinderte, also für Leute, die bald depressiv, bald manisch sind, sich verfolgt fühlen oder Stimmen hören, sich stumm zurückziehen, unter Ängsten oder Zwängen leiden, abhängig sind von Alkohol oder Medikamenten. Keine müde Mark werden Sie kriegen.

Nicht einmal auf die Idee einer solchen Sammlung oder Schirmherrschaft würde jemand kommen Er müßte schon den Mut haben, sich lächerlich zu machen.

Woher rührt das? Ich weiß auf diese Frage keine rechte Antwort. Jedenfalls kommt mir das beliebte Jammern" über die Vorurteile der ach so schlechten Mitmenschen zu billig vor. Es gibt ja auch Vorurteile über andere "andersartige" Gruppen. Außerdem wissen wir inzwischen, daß manchen angeblichen Vorurteilen gegen seelisch Kranke auch ganz gesunde Urteile und Ängste zugrunde liegen — sei es von betroffenen Familienangehörigen (und welche Familie im weiteren Sinne ist ohne seelisch Kranke?), sei es von der Bevölkerung im allgemeinen: nämlich Skepsis gegenüber "unmenschlichen Zuständen" in der Psychiatrie der Vergangenheit und Gegenwart und Skepsis gegenüber zu hohen Erwartungen und falschen Versprechungen, die wir psychiatrisch Tätigen in nicht geringem Maße selbst verschulden Überdies: Wie sollen die Menschen nicht Vorurteile hegen, wenn sie seit 150 Jahren sich gefallen lassen, seelisch kranke Mitbürger aus den Familien und Gemeinden herauszugeben, sie buchstäblich aus dem Verkehr zu ziehen, sie unsichtbar zu machen, sie für lange Zeit, zum Teil lebenslang, in weitab gelegenen Großeinrichtungen den psychiatrisch Tätigen überantworten, die vielen dadurch ähnlich unheimlich werden wie ihre Patienten und diese erst dann wieder argwöhnisch beäugen, wenn sie aufs neue "vernünftig" geworden sind?

So wirft mich meine Eingangsfrage auf mich selbst zurück, der ich in der Psychiatrie, arbeite. Ich habe mich also nach dem Zustand der Psychiatrie und nach meinem eigenen Zustand zu fragen; , Zunächst zum Zustand der Psychiatrie. Er ist aufregend genug. Seit zehn Jahren sinkt die Belegung der Krankenhäuser laufend, wenn auch um den Preis häufigerer Kurzzeit Wiederaufnahmen. Und dies aus zwei Gründen: einmal, weil wir Medikamente haben, mit denen wir häufig die störenden Symptome unsichtbar machen können; zum anderen, weil wir gelernt haben, daß die Begegnung mit seelisch Kranken um so befriedigender ist, je normaler und gemeindenäher der Ort dieser Begegnung ist. Man spricht daher vom Normalisierungsprinzip und von Gemeindepsychiatrie ("Gemeinde" ist dabei im kommunalen Sinne zu verstehen). Dies gilt weltweit; und es bedeutet nicht weniger als eine Umkehr der 150jährigen Ausgrenzungstendenz der Psychiatrie.

Genauso aufregend — ein einmaliges Ereignis in der deutschen Geschichte — ist es, daß der Bundestag die Psychiatrie Enquete in Auftrag gab. Dies war weniger dem Druck der Psychiater zu verdanken als vielmehr der Reformära Willy Brandts und dem unermüdlichen Engagement des CDU Abgeordneten Picard.

Aber nun wird es verrückt. Denn obwohl wir seit der Enquete genau wissen, was wir zum Zweck der äußeren organisatorischen Reform der Psychiatrie zu tun hätten, tun wir uns unendlich schwer, das Wissen in die Tat umzusetzen. Ich brauche nicht viel Raum, um das Programm zu beschreiben, das zur Verwirklichung ansteht und auf das wir uns alle einigen können, wenn man die allzu ängstlichen und die allzu mutigen Stimmen des Meinungsspek , trums gegeneinander wegkürzt und sich auf die Enquete und die Erfahrungen der Modellaktion des Bundesgesundheitsministeriums stützt. Dieses Programm der Gemeindenähe und Normalisierung sieht so aus:

Für ein Standardversorgungsgebiet, das heißt für einen Stadtbezirk oder Landkreis (rund 250 000 Einwohner) brauchen wir arzt- und Psychotherapiepraxen, regional verteilt und mit einer Regelung, wonach das gesprochene Wort so gut honoriert wird, wie das rezeptierte Medikament, da dann das Wort das Medikament häufiger ersetzen könnte. Während dies Netz einigermaßen existiert, gilt das nicht für die genauso wichtigen fünf psychosozialen Dienste. Daraus folgt: Für je 50000 Einwohner ist ein ambulantes, mobiles und berufsübergreifendes Team mit sechs Fachkräften (Sozialarbeiter, Pflegekräfte, Psychologen) und Laien erforderlich, und zwar gerade für den nach Krankheitsschwere, Lebensalter, sozialer und kultureller Benachteiligung behindertsten Teil der seelisch Kranken, mit denen die Arztpraxen erwiesenermaßen überfordert sind.