Seinen Mercedes 450 fährt er mit Schwung auf den Bürgersteig, und ohne Rücksicht auf die Fußgänger parkt er ihn direkt vor dem Eingang des Tivoli. Dasselbe ist ein italienisches Speiselokal der gehobenen Klasse, wo er ganz offensichtlich bekannt ist. Der für ihn reservierte Tisch, gedeckt für sechs Personen, scheint sein Stammtisch zu sein. Nebenan sind die Plätze für "von Preussen" reserviert. Ein schneller Blick auf die Speisekarte, ein Wink dem Kellner: Spaghetti mit weißen Trüffeln. Ob er nun italienisch spricht oder nur das Speisekarten-Italienisch, ist nicht auszumachen.

Er ist ein Herr in mittleren Jahren. Sein weiches Haar ist weiß, seine Gestalt schlank, der leichte Bauchansatz wird von einem weiten Pullover verdeckt. Das Gesicht ist schmal, und seine blaugrauen Augen hinter einer unauffälligen Stahlbrille wirken manchmal auffallend matt und gebrochen.

Besagter Herr ist Journalist. Welche Attribute Volkesmund und Kollegen parat haben, um einen Journalisten zu charakterisieren, er hat sie alle magisch auf sich gezogen. Ein Attribut allerdings fehlt: seriös. Das Gegenteil haftet ihm an. Und könnte man unseriös ins Unendliche steigern, jener Herr im Tivoli würde auch dies noch auf seine Person beziehen dürfen. Er schreibt rechts, er schreibt links, heißt es. Er ist ein Agent. Ein Doppelagent. Er dreht krumme Dinger. Er ist ein Schlitzohr. Er lügt. Und um ihn gleichsam zu krönen: Er ist ein Kotzbrocken.

Der Journalismus ist ein weites Feld, um Fontane abzuwandeln. Es gibt Journalisten, die die Wahrheit verdrehen und heute öffentlich bezahlte Pressechefs sind. Es gibt seriöse Schreiber, die wegen ihrer Seriosität auf die Straße gesetzt werden. Kurz – im Journalismus haben viele Platz. Da tummeln sich Herausgeber der FAZ neben den Schnulzenschreibern des Grünen Blattes.

Und warum soll also nicht auch jener besagte Herr mit all den ihm nachgesagten Eigenschaften Journalist sein. Es handelt sich um Heinz van Nouhuys, 51 Jahre alt, Verleger und Herausgeber von Lui, einem Brüste-Journal für Männer, von Photo, einem reellen Magazin für Photoliebhaber, und seit neuestem Verleger von Transatlantic, der vielgelobten Zeitschrift, die von zwei ebenfalls in die Jahre gekommenen deutschen Schriftstellerhoffnungen konzipiert und verantwortet wird, von Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore.

Sieh da! Will der vielgeschmähte Nouhuys den Nannens und Augsteins, den Bertelsmännern und Suhrkämpern dieses Landes zeigen, daß er mithalten kann in der gehobenen Klasse des seriösen linken Kulturzeitschriften-Journalismus? So wie der Anrührer von brauner Mehlschwitze den Siebecks beweisen muß, daß er auch die Nouvelle Cuisine beherrscht?

Nouhuys, stets darauf bedacht, seinem Gegenüber Bonmots und Gags zu liefern – als ob dies die beiden Grundpfeiler des Journalismus seien –, erzählt die Entstehungsgeschichte von Transatlantic. "Sie begann an eben diesem Tisch im Tivoli! Das stand noch nirgendwo!"