München

Hans Binder, Biologielehrer aus Lindau am Bodensee, wird in den nächsten Wochen einige Nachtschichten einlegen müssen. Dem bayerischen Pädagogen hat der Moritz-Diesterweg-Verlag die delikate Aufgabe Übertragen, das Schulbuch „Einführung in die Biologie. Biologie des Menschen“, geschrieben von zwei Frankfurter Kollegen, auf die Verhältnisse im katholischen CSU-Freistaat zurechtzustutzen.

Wieder einmal wird im Schatten des Münchner Liebfrauen-Doms gegen allzu freizügige Behandlung des Tabuthemas Sexualität zu Felde gezogen. Denn auf Geheiß von Bayerns Kultusminister und Deutschlands höchstem Laienkatholiken Hans Maier (CSU) müssen acht Verlage Brenzliges aus den Lehrbüchern für die Sexualerziehung streichen. Da sind Bilder nackter Menschen durch „schematische Abbildungen“ (Kultusministerium) zu ersetzen, ganze Kapitel über die „Sexualität im Leben des Menschen“, über Onanie, Petting, Koitus oder Homosexualität „ersatzlos zu streichen“.

Seinem Lindauer Mitarbeiter bescheinigt Kurt Fochler, Münchner Statthalter des Diesterweg-Verlages, „Fingerspitzengefühl“ und die Zuverlässigkeit, daß er „nichts hineinbringt, was aneckt“. Er wird diese Eigenschaften brauchen. Denn was den Schülern im Freistaat vom nächsten Schuljahr an auf die Bänke gelegt werden soll, darf kaum mehr zeigen und erklären als die vielzitierte Biene und das Gänseblümchen. Informationen darüber, daß Sexualität etwas Schönes und Natürliches sein kann, werden dann wieder unter den Schulbänken gehandelt – oder einfach an Zeitungskiosken oder an Fernsehschirmen besorgt.

Sexualkunde wird an Bayerns Schulen seit mehr als zehn Jahren gelehrt. Doch erst seit der Freistaat Anfang des Jahres einem Karlsruher Richterspruch nachkam und das Fach gesetzlich verankerte, können auch ultra-konservative Sexualkunde-Gegner wieder mit dem Minister zufrieden sein. Der Diesterweg-Verlag etwa muß die Erkenntnis streichen: „So ist also die Sexualität für unser gesamtes Verhalten und unsere Persönlichkeit von beherrschender Bedeutung, die sich keineswegs darin erschöpft, daß wir uns vermehren können. Der einzelne gewinnt aus ihr vielmehr Lebensbereicherung, Freude, seelische und körperliche Entspannung.“

Es darf auch nicht mehr geschrieben stehen, daß Mädchen „bei dem Berühren ihrer Geschlechtsorgane Lustgefühle“ empfinden können. Jungen darf nicht mehr erklärt werden, daß die Warnung vor der angeblichen Gefahr von Rückenmarksschwund und Potenzverlust nichts andem ist als die Verteufelung der Onanie. Auch die Beschreibung von Koitus und Petting fällt dem Rotstift der Beamten im Kultusministerium zum Opfer (allzu genaue Schilderungen hatte der Verlag schon vor einiger Zeit in einer bayerischen „Kurzfassung“ ebenso gestrichen wie einen Aufsatz von Alexander Mitscherlich über die Sexualität).

Was eigentlich bleibt noch übrig? Die Richtlinien für „Familien- und Sexualerziehung in den bayerischen Schulen“ schreiben es den Lehrern genau vor, Da ist nicht nur „eine angemessene und ausgewogene Information“ gefordert, sondern es werden auch eindringliche Hinweise auf „Gefahren für Leib und Seele“ der Schüler verordnet. Und wenn’s brenzlig wird mit der Sexualerziehung, „können Schüler und Schülerinnen getrennt unterrichtet werden“. Karten und Bücher haben nach dem Unterricht sofort wieder im Schrank zu verschwinden.

„Das ist ein Schritt zurück ins 19. Jahrhundert“, ärgert sich der mittelfränkische SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Messerer, selbst Biologielehrer. Seine Kollegen von SPD und FDP vermuten hinter der wundersamen Wandlung der Sexualerziehung ultrakonservative Kreise der katholischen Kirche um den Regensburger Bischof Rudolf Gräber und den Maria-Goretti-Freundeskreis, die enge Kontakte zu den Sexual kunde-Gegnern in der CSU halten. Sie denken über Sexualität wie die Amberger CSU-Streiterin für ein sauberes Bayern, Maria Geiss-Wittmann. Zehn Jahre Sexualerziehung, so wetterte sie Anfang Mai im Münchener Landtag, seien schuld daran, daß „die Verwahrlosung und der Leichtsinn zugenommen haben“.

„Nur mit List und Tücke“ – so einer der Beteiligten – konnte das Kultusministerium den Sexualkunde-Gegnern überhaupt in zähen Verhandlungen die Richtlinien abtrotzen. Daß dabei die Sexualerziehung fast völlig auf der Strecke blieb, soll nach dem Willen der FDP-Landtagsfraktion noch ein parlamentarisches Nachspiel. haben. Inzwischen wittern auch andere Aufklärungsgegner Morgenluft. Ein Ehepaar aus Waldkraiburg wollte am Montag vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof verbieten lassen, daß seine vier Kinder „so etwas“ in der Schule mitbekommen. Bis die Richter entscheiden, gilt die Erkenntnis des Hannoveraner Sexualpädagogen Professor Helmut Kentler: „Die Bayern haben vor dem Thema Sexualerziehung mindestens ebensoviel Angst wie vor der Atombombe.“

Bernd Kühnl