Hannover

Als sich die 21jährige Hannoveranerin Barbara Riehn vor ein paar Wochen von der „Johanniter-Unfall-Hilfe“ in ihrem Heimatort zur Schwesternhelferin ausbilden lassen wollte, erschien sie zur ersten Unterrichtsstunde des theoretischen Lehrgangs guter Dinge und frohen Mutes: Sie hatte sich zuvor ordnungsgemäß angemeldet, auch eine Teilnahmebestätigung erhalten, und nun brachte sie all die Unterlagen, die die Johanniter von ihren zukünftigen Schwesternhelferinnen erwarteten, mit: einen Röntgen-Longenbefund ebenso wie die ärztlichen Zeugnisse dafür, daß sie „körperlich und geistig gesund und frei von ansteckenden Krankheiten“ ist.

Doch das alles half wenig, Barbara Riehns Laufbahn als Schwesternhelferin endete gleich in der ersten Stunde, nachdem sie ein vom Lehrgangsleiter verteiltes Formular mit ihren Personalien ausgefüllt hatte. In einer Rubrik sollte sie dort ihren „Einsatzwunsch“ als Sanitätsgehilfin in der Tracht der Johanniter kenntlich machen. Offeriert wurde neben dem Zivilschutz der „Sanitätsdienst BW“ (sprich: Bundeswehr). Von der Aufforderung „Nichtzutreffendes bitte streichen!“ machte die Pädagogikstudentin gern Gebrauch und zog durch die Bundeswehr einen sauberen Stich; darunter notierte sie: „Ich verweigere hiermit den Kriegsdienst!“ Mit dieser weiblichen Variante der bisher auf alljährlich ein paar zehntausend junge Männer beschränkten Wehrdienstverweigerung mochten sich die Johanniter-Unfall-Helfer nicht anfreunden und setzten die Kriegsdienstverweigerin umgehend vor die Tür.

Auch der Versuch der verhinderten Schwesternhelferin, mit einer Rechtsanwältin und unter Klageandrohung einen Platz bei dem nächster., dieses Wochenende zu Ende gehenden Lehrgang zu bekommen, scheiterte am vehementen Widerstand der Johanniter, die ein Fachverband des Diakonischen Werks der evangelischen Kirche sind. Sie erklären ihre Haltung damit, daß die Ausbildung zur Schwesternhelferin, finanziert in wesentlichen durch den Zivilschutz-Etat des Bundesinnenministeriums, schließlich in erster Linie der Vorsorge für Katastrophenfälle und Notstände diene. Als Schwesternhelferin habe man keineswegs einen anerkannten Beruf gelernt und könne nur sehr beschränkt Hilfstätigkeiten in Krankenhäusern und Altenpflegeheimen, Sozialstationen und Pfarrgemeinden wahrnehmen.

Die Richtlinien, die das Bundesgesundheitsministerium noch im Juli dieses Jahres überarbeitete, sehen denn auch vor, „Personen, bei denen erkennbar ist, daß sie für eine Beschäftigung in Spannungs- und im Verteidigungsfall nicht in Betracht kommen, zur Ausbildung nicht zuzulassen“. Und so verfahren, wie die evangelischen Johanniter, auch die katholischen Malteser und das überkonfessionelle Deutsche Rote Kreuz – jene drei Organisationen, die seit 1960 fast eine Viertelmillion Frauen zu Schwesternhelferinnen ausgebildet haben.

Ob diese auch immer wußten, was im Spannungs- und Verteidigungsfall möglicherweise auf sie zukommt, daß ihre Namen bei den Arbeitsämtern für den Notstand abrufbereit registriert und sie von Bundeswehr und Zivilschutz in deren Sanitätsdienste eingeplant sind, ist fraglich. Zumindest aus dem Material, daß Barbara Riehn von den Johannitern erhielt, als sie sich zu dem Lehrgang anmeldete, geht das ohne weiteres nicht hervor. Da ist zwar blumig die Rede von der Schwesternhelferin „Hilfeleistung in der eigenen Familie, in der Nachbarschaft und Gemeinde, im Alten- und Pflegeheim, im Betrieb und im Notstand“ – was aber mit diesem „Notstand“ genau gemeint ist, geht aus dem „Informationsblatt für die Schwesternhelferin-Ausbildung“ nicht klar hervor. Lediglich, daß die Sanitätsgehilfinnen sich „bei Katastrophen und Notständen aller Art bereithalten“, steht da noch – aber daß damit auch ein Einsatz bei der Bundeswehr in Kriegs- und Krisenzeiten gemeint sein kann, erfährt man nicht.

Inzwischen beschäftigt der Fall Barbara Riehn auch das Bundespräsidium der Johanniter – bislang freilich noch ohne Ergebnis. Der vierte Unfallhilfsdienst, den es hierzulande gibt, hat sich hingegen von Anbeginn solche Scherereien vom Leib gehalten: Als die Bundesregierung Ende der fünfziger Jahre Ausbilder für die Schwesternhelferinnen suchte, verweigerte sich der SPDnahe „Arbeitersamariterbund“ (ASB) – „gerade, weil die sich gegenüber der Bundeswehr verpflichten mußten“, stellt heute ASB-Geschäftsführer Wilhelm Müller erleichtert fest, „und da konnten wir uns, aus der Arbeiterbewegung kommend, nicht drauf einigen“. Klaus Pokatzky