Von Michael Schwelien

Ein linker Lehrer muß zuallererst einmal ein guter Lehrer „ein.“ Davon waren viele junge Lehrer überzeugt, als sie Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in die Schulen kamen und sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisierten. Sie waren politisch motiviert und reformpädagogisch interessiert, und sie wußten: Wer an der Schule gesellschaftskritischen Unterricht geben wollte, durfte nicht angreifbar sein, mußte korrekt Wissen vermitteln, mußte besser sein als die anderen Lehrer. Diese Haltung vieler junger Lehrer machte die Schulreform erst möglich.

Als dann aber Zweifel aufkamen, ob sich die Schule nicht allzu rasch verändere, als gar die Gegenreformatoren das Horn bliesen, ging auch die pädagogische Vernunft baden. Anstatt selbstkritisch zu fragen, wo Reformen falsch gelaufen waren, wo sie zu weit getrieben wurden, Eltern und Kinder einfach nicht mehr wollten oder schlicht nicht mehr mitkamen, riefen die inzwischen schon etwas älter gewordenen Junglehrer „Verrat“.

Die kritischen Stimmen aus Elternvereinen und konkurrierenden, eher konservativen Lehrerverbänden, so argwöhnten sie, wurden nicht etwa aus purer Sorge lauter. Nein, sie unterstellten ihnen vor allem reaktionäres Eiferertum, vor dem sozialliberale Kultusminister auch noch kuschten. Anstatt sich mit den Argumenten der Reformgegner ernsthaft auseinanderzusetzen, sattelte die gewerkschaftlich organisierte Lehrerschaft einfach um: von der pädagogischen Diskussion, bei der der Schüler im Mittelpunkt stand, auf die Belange des eigenen Berufsstandes. Seither sucht die GEW ihr Heil in der „Arbeitszeitkampagne“.

Auch strukturelle Veränderungen wurden vorgenommen, die GEW den anderen Gewerkschaften angeglichen. Nicht nur verbal – sprach man früher von „Bundeskongressen der GEW“, heißt es heute „Gewerkschaftstag“ –, sondern grundsätzlich. Die Funktionäre bildeten gemeinsame Tarifkommissionen mit der ÖTV. Und nach dem DGB-Motto „ein Betrieb, eine Gewerkschaft“ sollen vom Hausmeister über den Lehrer bis zum Schulpsychologen möglichst alle einem Verband angehören. Am liebsten wäre vielen GEW-Lehrern sogar eine Fusion mit der ÖTV gewesen. Die fast vollständige Hinwendung zu den klassischen gewerkschaftlichen Themen, Arbeitszeit und Besoldung, war konsequenterweise bald vollzogen. Und seit dem Erscheinen der von den Kultusministern in Auftrag gegebenen „Knight-Wegenstein-Studie“ über die Arbeitsbelastung von Lehrern gibt es für die GEW nur noch ein Thema: die Senkung des Stundendeputats. Die pädagogische Diskussion flaute gänzlich ab.

Mit Demonstrationen, Dienst nach Vorschrift und Warnstreiks wollen die Lehrer die „Angleichung“ an die Arbeitszeit im öffentlichen Dienst erreichen. Sie fordern langfristig, daß kein Lehrer mehr als 20 Stunden in der Woche unterrichtet. Kurzfristig soll jeder eine Stunde weniger und keiner über 25 Stunden unterrichten. Außerdem verlangen sie „Stundenpools“ von fünf bis zehn Prozent Freistunden, über die in den Schulen verfügt werden soll, um stärker belastete Kollegen freizustellen.

Die Knight-Wegenstein-Studie ermittelte eine durchschnittliche Arbeitszeit von 45 Stunden in der Woche einschließlich aller Vorbereitungen. Je nach Unterrichtsfächern liegt ein Teil der Lehrer darüber, ein anderer darunter. Letzterer hat dem ganzen Berufsstand das Image verpaßt, Lehrer seien Halbtagsarbeiter mit viel Urlaub. Dies ist sicher ein pauschales Vorurteil. Fest steht, daß die Arbeitsbelastung der Lehrer höchst unterschiedlich ausfällt. Doch wehleidig kokettieren die Pädagogen mit ihrem negativen Image und lehnen eine differenzierte Lösung ihrer Arbeitszeitprobleme kategorisch ab.